Folge 57: Christian Hubers Roman „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“

Christian Hubers Roman „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“ (erschienen bei DTV)

Christian Huber erzählt in seinem Roman Man vergisst nicht, wie man schwimmt die Geschichte des 15-jährigen Pascal, den alle nur Krüger nennen, und der ein Geheimnis in sich trägt, das es ihm verbietet, weder schwimmen zu gehen, noch sich zu verlieben. Doch dann treffen er und sein Freund Viktor am letzten Tag des Sommers 1999 auf das Messer werfende Zirkusmädchen Jacky, das ihr Leben ziemlich auf den Kopf stellt.

Man vergisst nicht, wie man schwimmt ist vordergründig ein Unterhaltungsroman. Es gibt vor allem Elemente von klassischen Coming-of-Age-Geschichten, die im Vordergrund dieser Erzählung stehen und der Roman nutzt auch durchaus bekannte Versatzstücke davon. Es gibt dieses Geheimnis um die 15-jährige Hauptfigur Pascal, das im Laufe der Handlung aufgedeckt wird, es gibt einen klar strukturierten Spannungsbogen und es gibt sympathische Figuren, mit denen man sich problemlos identifizieren kann.

Die Podcast-Folge zu Christian Hubers Roman „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“

Dazu ist die Atmosphäre wirklich gelungen: Der Roman spielt in einem kleinen Dorf in Bayern und dieser Aspekt spielt natürlich eine Rolle für das Aufwachsen und das Erwachsenwerden, denn in diesem Ort ist normalerweise nicht viel los , aber an diesem Tag, der in Man vergisst nicht, wie man schwimmt beschrieben wird, stolpern die Figuren in ein echtes Abenteuer. Der Ton des Buches ist jugendlich-locker, zwischendurch aber auch emotional, es gibt eine Liebesgeschichte und spannend wird es am Ende auch noch.

Ein Coming-of-Age Roman mit Tiefgang

Soweit, so bekannt, könnte man sagen, aber hinter dieser Hülle des Romans gibt es noch eine zweite Ebene, die wesentlich tiefer geht, und die dem Roman schließlich auch die Trivialität nimmt und verhindert, dass das, was hier erzählt wird, zu einer Kopie von anderen Coming-of-Age-Erzählungen wird.

Zunächst mal ist da die Hauptfigur, Pascal, ein ziemlich durchschnittlicher Jugendlicher eigentlich, der allerdings etwas in sich trägt, was ihn sein Leben lang beschäftigt und was es ihm nicht einfach macht, anderen gegenüber zu öffnen. Er schottet sich ab, er schreibt viel, denkt viel nach, ist ein sehr reflektierter Mensch. Die Geschichte wird aus seiner Persepktive erzählt und man bekommt sehr schnell einen klaren Eindruck von diesem träumerischen, beobachtenden und empathischen jungen Mann, dessen Geheimnis sich den Leserinnen und Lesern nach und nach enthüllt.

Trotz dieser Unsicherheit, die zu Pascal als zentrales Merkmal gehört, gibt er sich aber nach außen durchaus tough und versucht, sich seine Nachdenklichkeit nicht anmerken zu lassen. Er besitzt etwa ein kleines Notizbuch, in das er Gedanken, Gefühle und vor allem auch Geschichten, gerade auch seine eigene Geschichte, notiert, und das er vor dem Zugriff durch anderen beschützt, weil er eben nicht möchte, dass diese sensible Seite von ihm öffentlich wird.

Autor Christian Huber (Foto: © Philipp Gladsome)

Ein Leben zwischen Selbst- und Fremdbild

Pascal lebt dadurch irgendwo zwischen Realität und Traum. Diese beiden Welten stehen einander gegenüber und ergänzen sich gleichzeitig aber auch, weil natürlich der Traum eine Möglichkeit ist, sich mit dem auseinanderzusetzen, was in der Realität passiert, während man nach außen so tut, als sein man (hier: Pascal) „ein harter Kerl“. Denn darum geht es in diesem Roman auch, es geht um Konzeptionen von Maskulinität und entsprechende Rollenbilder oder Rollenvorbilder und natürlich in dem Zusammenhang auch die eigene Konzeption von Selbst, von Individualität, gerade auch in Abgrenzung zu anderen.

Im Roman werden diese Dynamiken des Selbst und der peer group maximal konzentriert, der Fokus liegt klar bei den Jugendlichen, Erwachsene gibt es eigentlich nicht oder sie spielen nur abseitig eine Rolle.

Gleichzeitig geht es aber auch immer nicht nur um die eigene Wahrnehmung, sondern vor allem auch um das Selbstbild im Zusammenspiel mit dem Fremdbild und die Dissonanzen, die sich daraus ergeben, Pascal etwa merkt das, als er Jackys sensible und gefühlvolle Seite kennenlernt oder als er glaubt, er müsse auf eine bestimmte Art und Weise sein und dürfe niemals jemanden davon wissen lassen, dass er gerne schreibt und viel nachdenkt über sich und das Leben. Er spät darf er feststellen, dass genau das eigentlich Merkmale sind, die ihn als Mensch definieren und auszeichnen.

Die Macht der zwei Gesichter

Diese Dualität des Selbst findet sich auch in den übrigen Figuren wieder. Viktor etwa ist ebenfalls eine ambivalente Figur, er gibt sich nach außen selbstbewusst und cool, ist ein bisschen impulsiv und angeberisch, aber leidet offenbar nach innen auch, hat er doch einen sehr strengen Vater. Genauso verhält es sich mit Jacky, dem Messer werfenden, mutigen Zirkusmädchen, das aber selbst auch von ihrer eigenen Vergangenheit verfolgt wird.

Diese Gegensätzlichkeiten werden im Roman immer wieder herausgearbeitet, die Figuren sind durchaus komplex angelegt, diesen Anspruch merkt man zu jeder Zeit. Und genau hier bekommt der Roman auch eine gewisse Allgemeingültigkeit, denn natürlich sind Unsicherheit, Ängste, Traumata usw. oft genug Teil des Erwachsenwerdens und gerade von dieser Warte betrachtet ist jede Auseinandersetzung damit in literarischer Form wertvoll. Das erinnert stellenweise an Klassiker wie Tschick von Wolfgang Herrndorf oder auch an Sarah Jägers kürzlich erschienenen Roman Die Nacht so groß wie wir.

In Man vergisst nicht, wie man schwimmt wird die Mehrdeutigkeit aber auch auf der metaphorischen Ebene noch ein bisschen weitergedacht, denn es gibt in dem Dorf Bodenstein, in dem der Roman spielt, eine Janus-Statue, und dieses Janus-Bild wird als Leitmotiv immer wieder eingesetzt und spiegelt die Ambivalenz des Menschen wieder. Der Janus war der antike römische Gott der Gegensätze und wird oft in Bildern und Statuen mit zwei Gesichtern dargestellt, die jeweils in unterschiedliche Richtungen schauen, und das passt natürlich in der Übertragung zu dem, was der Roman verhandelt.

Ein Roman für Erwachsene?

Es soll keinesfalls der Eindruck entstehen, dass dieser Roman nur was für Jugendliche ist, im Gegenteil, jeder kann hierin etwas für sich finden, gerade für Menschen, die in den 90er Jahren jung waren, hat der Roman auch auf dieser „historischen“ Ebene eine Menge zu bieten. Er zeichnet sehr genau das Bild einer Generation, die so geprägt ist von einer gewissen Sorgenfreiheit: Der zweite Weltkrieg ist weit weg, der kalte Krieg ist gerade vorbei, und in Deutschland lebt man in relativem Wohlstand und in großer Sicherheit, was ja dann nur knapp ein Jahrzehnt später, also Anfang der 2000er schon wieder nur noch sehr eingeschränkt stimmt. Dieses Gefühl der Unbeschwertheit, der Sorglosigkeit vermittelt der Roman auf überzeugende Weise, natürlich steckt darin aber auch eine ganze Menge romantische Verklärung.

Die Marketing-Maschinerie greift zu kurz

Im Marketing wird Christian Hubers Roman Man vergisst nicht, wie man schwimmt beworben als lockere Sommerstory. Das ist auch sicher irgendwie so, jedoch ignoriert das völlig die Tiefgründigkeit, die dahinter steht. Bei 1Live, Christian Huber war dort im Gespräch bei Mona Ameziane, schreibt man in der Besprechung zu dem Buch, es sei eine „Sommergeschichte voller Retro-Feeling und Freibad-Pommes“. Sicher, stimmt irgendwie, aber diese Beschreibung unterschätzt die andere Seite, die anderen Hälfte dieses Romans und greift in der Hinsicht schlicht zu kurz.

Am Ende ist Man vergisst nicht, wie man schwimmt eine Liebeserklärung an die Jugend und an das Jungsein, an die Liebe, den Wert von Freundschaft und auch den Wert des Schreibens und Erzählens, die mir persönlich außerordentlich viel Spaß gemacht hat.

Hinweis: Zur Erstellung dieser Folge wurde mir ein Rezensionsexemplar des Romans von DTV zur Verfügung gestellt.

Shownotes und Links:
Christian Hubers Roman „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“ bei DTV
Autorenseite von Christian Huber bei DTV
Hörbuch zur Christian Hubers Roman „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“ bei Der Audio Verlag
Webseite zum Podcast „Gefühlte Fakten“ von Christian Huber und Tarkan Bagci
Christian Hubers Twitter-Account
Christian Hubers Instagram-Account
Playlist zu Christian Hubers Roman „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“ (Spotify)
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Blog zu „Auf ein Buch!“

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