Folge 31: Steffen Kopetzkys Roman „Monschau“

Steffen Kopetzkys Roman „Monschau“

Die junge Bundesrepublik im Jahr 1962: In dem kleinen Ort Monschau in der Eifel bricht eine Pockenepidemie aus. Der junge griechische Arzt Nikos Spyridakis reist mit dem Virologen Günter Stüttgen dorthin, um den Ausbruch der Krankheit unter Kontrolle zu halten. Widerstand erfahren die beiden Mediziner vor allem durch den Geschäftsführer der ortsansässigen Rither-Werke, einem international erfolgreichen Industrie-Großbetrieb, der mit aller Macht versucht, sein Unternehmen vor der Schließung zu bewahren und gleichzeitig dessen dunkle Vergangenheit unter Verschluss zu halten.

Steffen Kopetzky zeichnet in seinem aktuellen Roman Monschau ein Gesellschaftsporträt der frühen 1960er Jahre und verdeutlicht – durchaus mit augenfälligen Parallelen zur aktuellen Corona-Situation -, wie der Mensch in Krisenzeiten agiert und reagiert. Gleichzeitig erzählt er eine zarte Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen, die Hoffnung geben: Hoffnung auf Heilung, auf Erneuerung, auf Zukunft.

Steffen Kopetzkys Monschau: Mehr als ein Epidemie-Roman

Das alles kommt einem natürlich sofort bekannt vor, denn es gibt so einige offensichtliche Parallelen zur Corona-Pandemie und der Zeit, in der wir ja aktuell immer noch leben. Gerade das Vokabular im Roman ruft Erinnerungen an das Frühjahr des letzten Jahres wach, als überall nur von Aerosolen, Quarantäne, Infizierten und später dann auch von Impfungen die Rede war und deutlich wurde, welch großer Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und der öffentlichen Gesundheit besteht.

Steffen Kopetzky, Autor des Romans „Monschau“

Wer jetzt aber befürchtet, dass es sich bei Kopetzkys Roman Monschau im Grunde um einen Corona-Roman im historischen Gewand handelt, der liegt falsch, denn Kopetzkys Buch ist viel mehr als das. Die Pocken-Epidemie ist die Leinwand, vor der sich Größeres entspinnt, vor der seine Figuren agieren und reagieren und vor der ein beeindruckendes Zeitgemälde der jungen Bundesrepublik zu Beginn der 1960er Jahre entworfen wird.

Atmosphäre und Lebensgefühl der frühen 1960er Jahre

Und genau dieses Gemälde ist äußerst differenziert und es verläuft vor allem auf zwei Ebenen, einer politisch-geschichtlichen und einer kulturellen, wobei sich letztere vor allem in der Atmosphäre und dem vermittelten Lebensgefühl ausdrückt.

Auf der politisch-geschichtlichen Ebene ist da vor allem der Fabrikdirektor und Alt-Nazi Richard Seuss, der an mehreren Fronten kämpft: Einerseits möchte er die Fabrik am Laufen halten und muss sich dafür mit dem Virologen Günter Stüttgen auseinandersetzen, auf der anderen Seite muss er sich der Aufklärung durch den Journalisten Grünwald – der eigentlich Johannes-Mario Simmel ist – erwehren, der der Vergangenheit des Unternehmens, genauer der Zwangsarbeitervergangenheit, auf der Spur ist und kurz davor steht, seine Recherchen öffentlich zu machen.

Auf der kulturellen Ebene versucht der Roman Monschau, die Gegenwart der frühen 1960er zum Leben zu erwecken. So gibt es zum Beispiel reichlich Anspielungen auf zeitgenössische Ereignisse, wie etwa die Einbindung des Fernsehsechsteilers Das Halstuch, der zu der Zeit ein echter Straßenfeger und TV-Hit war. Die kulturelle und zeitgenössische Verortung funktioniert darüber hinaus genauso über die Beschreibung der Kleidung der Figuren oder über das Nennen von Schlagzeilen und Nachrichten aus der Zeit.

Und zuletzt ist der Roman auch eine Erzählung von Medizinhistorie, nämlich dann wenn er aufzeigt, mit welchen Krankheiten die Menschen in Deutschland in den 1960er Jahren noch zu leben hatten bzw. die zum Alltag gehörten. Da gab es nämlich nicht nur die Pocken, sondern auch Diphterie, Polio oder Tuberkulose, um nur einige zu nennen. Das sind Tatsachen des Lebens, die man heute gerne mal vergisst. So wird den Leser*innen des Romans Monschau vor Augen geführt, in was für einer – hier aus medizinischer Sicht – luxuriösen Situation wir heute leben.

Monschau ist auch ein Liebesroman

Die Liebesgeschichte zwischen dem griechischen Arzt Nikos und der reichen Firmenerbin Vera Rither verläuft dazu parallel in einem sehr langsamen Tempo. Kopetzky gibt den Figuren Zeit, sich kennenzulernen und überstürzt dabei in der Erzählung nichts, sondern konzentriert sich auf die Details. Er erschafft Atmosphären und Stimmungen, die sich perfekt in das schon angesprochene Zeitgemälde einfügen.

Eine zentrale Rolle dabei spielt der Jazz: Miles Davis ist einer der Künstler, dessen Platte Vera immer wieder hört und von der sich auch Nikos magisch angezogen fühlt.

Miles Davis‘ „Someday my Prince Will Come“ (YouTube)

Diese Musik steht für eine neue kulturelle Ausrichtung, die offen ist für neue, unbekannte, vielleicht fremde Einflüsse und unterstreicht zielsicher die Romantik, die Zartheit, die sich langsam zwischen Vera und Nikos entwickelt. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie es Kopetzky gelingt, die Atmosphäre der Zeit zum Leben zu erwecken. Es sind die vielen kleinen Details, die auch dazu beitragen, die Beschreibung von Orten, von Gegenständen, von Menschen und das ist handwerklich herausragend gemacht.

Ein vielschichtiger Roman mit großer Genrevielfalt

Steffen Kopetzkys Roman Monschau ist ein vielschichtiger Roman. Da sind die Anklänge eines Liebesromans, des historischen Romans, Kopetzky selbst sagt, dass er sich auch vom klassischen Ritterroman hat inspirieren lassen. In diesem Fall ist es Nikos, der als „Ritter“ auszieht, um den Drachen zu erschlagen. Dabei könnte der Drache entweder die alten Nazi-Seilschaften, die der Behandlung und Ausrottung des Virus entgegenstehen, sein. Oder eben auch das Virus selbst, das es als Feind zu bekämpfen gilt.

Dazu gibt es Anleihen aus den großen Gesellschaftsromanen und den Abenteuerromanen der Literaturgeschichte. Auch Thriller-Elemente finden sich, es gibt in Monschau durchaus sehr spannungsreiche Stellen. Und nicht zuletzt gibt es Elemente des Unterhaltungsromans, der Kolportage, die einige Kopetzky zum Vorwurf machen und für die ihn die anderen loben und herausstellen, wie sehr diese nur Mittel zum Zweck sei.

Wer sich jedoch intensiver mit Kopetzkys Werk auseinandersetzt, wird schnell feststellen, dass seine Romane niemals auf billige Wirkung abzielen und mitnichten trivial sind. Gerade am Beispiel von Monschau zeigt sich, wie ein Text seine Leser*innen auf einer zugänglichen Ebene abholen kann, um sie von dort zu den Themen und Inhalten, die im Vordergrund stehen sollen, zu führen. Diese dürfen dann auch gerne entsprechend komplex sein, ohne dass man sich gleich überfordert oder gar erschlagen fühlt.

Ein großartiges Lesevergnügen mit Anspruch

Insgesamt macht dieser Roman richtig Spaß und er weiß durchweg zu gefallen. Wer sich wegen des Themas Sorgen macht und nicht noch in seiner/ihrer Freizeit etwas über Epidemien lesen möchte, sei beruhigt: Natürlich sind die Anklänge und Querverweise zur Corona-Pandemie nicht zu leugnen, aber es ist eben doch eine ganz andere Welt, in die man hier geworfen wird. Und während einem zu Beginn diese ganzen Parallelen doch stark ins Augen fallen und man quasi nur darauf achtet, hat man sie dann auch genauso schnell wieder vergessen und sie rücken mehr und mehr in den Hintergrund.

Shownotes und Links
Steffen Kopetzkys Roman „Monschau“ bei Rowohlt Berlin
Autorenseite von Steffen Kopetzky bei Rowohlt Berlin
Webseite der Agentur weissundblau
Webseite von Steffen Kopetzky
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Folge 28 zu Juli Zehs Roman „Über Menschen“
Folge 27 zu Thea Dorns Roman „Trost“

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