Folge 27: Thea Dorns Roman „Trost“

Thea Dorns Roman „Trost“

Frühjahr 2020: Johanna hat ihre Mutter verloren. Einsam und ohne Kontakt zur Außenwelt ist diese nach einer Italienreise zur Hochzeit der ersten Corona-Welle und einer darauffolgenden Corona-Infektion in einem Krankenhaus gestorben. Johanna hadert in Thea Dorns neuem Roman Trost mit dieser Ungerechtigkeit, mit den aus ihrer Sicht immer absurderen Corona-Beschränkungen und vor allem mit ihrer eigenen Wut.

In diese Wut hinein erreicht sie eine Postkarte ihres alten Philosophielehrers Max: „Liebe Freundin! Wie geht es dir? Dein alter Freund“ – Johanna ist irritiert, schüttet aber daraufhin Max ihr Herz aus, während dieser weiterhin in knappen Worten per Postkarte antwortet und damit Johanna langsam und mit Unterstützung der Philosophie hilft, sich selbst aus ihrer Verzweiflung zu befreien und Trost und neuen Lebensmut zu finden.

Johanna: Auf der Sucht nach Trost in Zeiten der Trostlosigkeit

Thea Dorns Hauptfigur Johanna ist durchweg sympathisch und man kann sich als Leser gut mit ihr identifizieren. Ausgangspunkt für ihre Entwicklung ist eine tiefe Wut über die Ungerechtigkeit ihrer Situation. Sie fühlt sich allein gelassen und missverstanden und sie ist überrascht von der Plötzlichkeit des Todes ihrer Mutter und der Absurdität der folgenden Ereignisse wie etwa der Beerdigung, die nur unter Beachtung der Corona-Auflagen überhaupt stattfinden kann.

Der Ton des Romans ist zunächst sehr bissig und stützt so auf der formal-sprachlichen Ebene die Hoffnungslosigkeit und das Gefühl des Ausgeliefertseins. Darin verstrickt sind viele tragikkomische Situationen, etwa wenn Johanna die durch willkürlich anmutende Corona-Beschränkungen stattfindende Beerdigung der Mutter. Oder wenn Johanna später mit einer illustren Truppe von Schauspieler*innen, die bei ihrer Mutter unter Vertrag standen, eine ausgelassene (aber wenig Corona-konforme) Abschiedsparty feiert.

Dabei sollte man allerdings nicht in den Eindruck bekommen, es handle sich bei Trost um ein Manifest für Verschwörungstheoretiker oder eine brennende generalisierende Wutrede gegen Corona-Maßnahmen, das wäre nämlich schlicht falsch und zu kurz gedacht. Vielmehr steht das Einzelschicksal im Mittelpunkt und es wird am Beispiel von Johanna austariert, inwiefern die Corona-Maßnahmen einen Einfluss auf die Freiheit des Einzelnen nehmen und was die Konsequenzen daraus sein können.

Eine zentrale Überlegung des Romans ist letztlich auch die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Pandemie, vor allem aus politischer Sicht. In Trost wird unter anderem zur Diskussion gestellt, ob es sinnvoll und zielführend ist, im Angesicht des Todes alles öffentliche Leben einzustellen, Johanna fragt:

Sollten wir uns nicht grundsätzlich darüber verständingen, ob wir bei jeder ernsthaften Bedrohung für Leib und Leben tatsächlich alles, was geeignet wäre, uns seelisch über Wasser zu halten, als unnötigen Ballst betrachten wollen?

Thea Dorn: Trost

Und dabei darf man nicht vergessen, wer diese Frage hier stellt, nämlich eine, die am eigenen Leibe die Erfahrung des plötzlichen Einschnitts, des abrupten Endes einer geliebten Person machen musste. Trotzdem geht sie so weit zu sagen, dass möglicherweise gerade die Sorglosigkeit der Mutter, die sie irgendwie auch bewundert, der „Heroismus“ ist, den man aktuell braucht, um „die Freiheit zu retten“

Die Frage nach der Lesemotivation

Abschreckend ist für manche(n) Leser*in die unmittelbare Gegenwärtigkeit von Trost und seine besondere Aktualität: Wir alle können uns natürlich noch gut an das letzte Jahr erinnern, als das Corona-Virus plötzlich in unser Leben trat und sukzessive für so viel Distanz, Leid, Angst und Tod sorgte und eben auch offenlegte, wie überfordert wir alle mit dieser Situation waren und natürlich auch immer noch sind. Auch zeigte uns diese Zeit, wie sich so tragische Situationen, solche unfassbaren Einzelschicksale, von denen eines in Trost detailliert ausgeleuchtet wird, einfach hochgradig ungerecht anfühlen und uns mitunter einfach verstummen lassen.

Nicht jeder möchte sich vielleicht in der Freiziet damit noch vertiefend beschäftigen. Manche(r) könnte annehmen, dass einem das zu viel wird, da ja das Virus und seine schrecklichen Konsequenzen eine unnachgiebige Überpräsenz in den Medien, im Beruf, im Privaten erfährt. Auf der anderen Seite hat das natürlich auch seinen Reiz und gerade die Frage nach Möglichkeiten für Trost, die ja der Titel vorgibt, ist existenzialistisch und daher per se spannend. Thea Dorn wirft die Frag auf, wie man selbst mit einer so außergewöhnlichen und vor allen Dingen unbekannten Situation umgeht, wie man eben diese Trost findet bzw. ob das überhaupt möglich ist. Und wenn man etwas tiefer schaut, verhandelt der Roman natürlich auch die Frage, was „Trost“ überhaupt ist.

Trost gibt eine philosophische Antwort

Die Kernidee dieses Romans hat Thea Dorn bereits im April 2020, also direkt zu Beginn der Pandemie, in einem Essay in der ZEIT dargelegt. Die zentrale These ist , dass wir heute den Tod im Prinzip vergessen haben, da wir davon ausgehen, mit unseren fortschrittlichen medizinischen Möglichkeiten, den Tod bekämpfen oder zumindest sehr effektiv langfristig hinauszögern zu können. Jetzt jedoch, in Zeiten der globalen Pandemie, gerät diese Sicherheit ins Wanken, da das Gesundheitssystem am Limit arbeitet und wir uns nicht mehr in der Form darauf verlassen können, wie wir es gewohnt sind.

In diesem Zusammenhang zitiert Dorn auch die Schriftstellerin Juli Zeh, die davon ausgeht, dass das „Gegenteil von Freiheit Gesundheit“ ist, eine These, die aus ihrer Sicht insbesondere in Gegenwart des Virus zu gelten scheint. Thea Dorn leitet aus diesen Überlegungen eine Kritik an den freiheitsbeschneidenden Maßnahmen der Politik ab und bezieht dabei auch die „Freiheit zu sterben“ mit ein, insbesondere geht es ihr dabei um die Möglichkeit, sterbende Familienmitglieder in den Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen besuchen zu dürfen, um sich von ihnen zu verabschieden. Sie spricht von einem Leid, das „noch bitterer ist als der Tod selbst: Das Leid, Menschen einsam und ohne Aussicht auf Trost sterben zu lassen“.

Johanna ist angesichts dieses Leids wütend. Ihr Philosophielehrer Max reagiert – für sie irritierend und wenig empathisch – darauf mit Postkarten sowie lapidaren Texten wie „„Liebe Freundin! Bist du bei Trost? Dein alter Freund“ oder „Liebe Freundin! Meinst du nicht, du nimmst mit deinem Evangelium der Trostlosigkeit das Leben etwas zu leicht? Dein alter Freund“. Johanna vermutet dahinter eine Anleitung – eine Anleitung zum Nachdenken, zum Reflektieren, zur Trostsuche.

Der Roman nimmt seine Leserinnen und Leser dann mit auf eine große Reise durch die Philosophiegeschichte und lässt Johanna verschiedenste Trost-Ansätze aufdecken. Max‘ Sentenzen werden für Johanna Impulse, vor allem Impulse zum Schreiben, denen sie in langen Briefen an ihren Freund und Lehrer Ausdruck verleiht. Johannas Überlegungen sind dabei gar nicht theoretisch oder trocken, im Gegenteil, ihre Reflexionen sind geerdet in ihren realen Erfahrungen, die damit immer wieder in Beziehung gesetzt werden.

Trost: Ein perfekter Roman für die Krise

Man kann sich durchaus fragen, inwieweit man das alles überhaupt einen Roman nennen kann, letztendlich ist es vielleicht eher ein Essay in Briefform, denn vieles, was Thea Dorn in ihrem ZEIT-Artikel bereits formuliert hat, findet man hier ebenfalls wieder. Der Mehrwert ist aber das Konstrukt der Figuren, also Johanna und Max, Johannas Mutter und einige Randfiguren, das Thea Dorn darum erfindet. So schafft Trost einen persönlichen Bezugspunkt und verlagert die doch sehr philosophische Diskussion in einen nachvollziehbaren und zugänglichen – da privaten – Bereich.

Insgesamt darf man bei diesem Buch keinen großen literarischen Wurf erwarten, denn das ist er ganz sicher nicht, aber trotzdem ist Thea Dorns Trost etwas Besonderes, gerade in dieser Zeit. Fraglich ist jedoch, inwieweit der Roman noch wirken würde, wenn die Pandemie einmal vorbei ist.

Shownotes und Links:
Thea Dorns Roman „Trost“ beim Penguin Verlag
Hörbuch zu Thea Dorns Roman „Trost“ bei Der Hörverlag
Autorinnennseite von Thea Dorn beim Penguin Verlag
Thea Dorns Roman „Die Unglückseligen“ beim Knaus Verlag
Thea Dorns Essay „Es gibt Schlimmeres als den Tod. Den elenden Tod“ in der ZEIT
„Das literarische Quartett“ beim ZDF
„Auf ein Buch!“ bei Spotify
„Auf ein Buch!“ bei Apple Podcasts
Folge 22 zu Monika Helfers Roman „Vati“

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