Folge 28: Juli Zehs Roman „Über Menschen“

Juli Zehs Roman „Über Menschen“

Hinweis: Für die Erstellung dieser Podcast-Folge wurde mir ein Rezensionsexemplar des Romans vom Luchterhand Verlag / Random House zur Verfügung gestellt.

In ihrem neuen Roman Über Menschen versetzt Juli Zeh ihre Leserinnen und Leser nach Brandenburg in das Dorf Bracken. Dorthin geht nämlich die Protagonistin Dora, die eigentlich in Berlin mit ihrem Freund zusammenlebt und von Beruf Werbetexterin ist. Als jedoch die Corona-Pandemie ausbricht und Doras Freund Robert sich mehr und mehr in die die Virus-Panik hineinsteigert und sogar Dora verbieten möchte, die gemeinsame Wohnung zu verlassen, reicht es ihr. Sie flieht gemeinsam mit ihrer Hündin Jochen in die brandeburgische Provinz, wo sie ein ziemlich heruntergekommenes Haus gekauft hat.

In der Folge wird dann gezeigt, wie sich Doras zunächst sehr einsames Leben auf dem Land weiterentwickelt: In Bracken ist Dora natürlicherweise zunächst die Außenseiterin, gerade ihr Nachbar Gote, der sich ihr als der „Dorf-Nazi“ vorstellt, ist ihr suspekt. Zudem trifft sie auf einen Witze reißenden Rassisten sowie einen weiteren Nachbarn, der sich als Kabarettist entpuppt und der mit seinem Lebenspartner eine Blumenhandlung betreibt, der wiederum bekennender AfD-Wähler ist.

Mein Nachbar, der Nazi

Ihr engster Kontakt wird jedoch – mehr oder minder überraschend – ihr direkt Nachbar Gote, der gerne mal mit seinen Freunden im Garten das Horst-Wessel-Lied anstimmt oder Dora damit droht, ihre Hündin zu zerquetschen, sollte sich diese noch einmal an seinem Kartoffelbeet zu schaffen machen. Zu allem Überfluss erfährt Dora bald, dass Gote auch schon im Gefängnis saß, wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung. Freiwillig berichtet Gote dann noch von einer Reise nach Rostock-Lichtenhagen mit seinem Vater, wo Rechtsextreme in den 1990er Jahren die Unterkünfte von vietnamesischen Vertragsarbeitern tageland belagerten und anzündeten.

Doch auf der anderen Seite hat Gote eine Tochter, kümmert sich mitunter rührend um sie, hilft Dora bald bei der Renovierung ihres Hauses und schon bald ist nicht mehr so klar, ob Gote wirklich das Monster ist, für den man ihn zunächst hält. Dora beginnt ihre Vorannahmen und Vorurteile nach und nach infrage zu stellen. In ihrem Leben in der Berliner Blase hatte sie keinerlei Kontakt zu Menschen wie Gote. Menschen, die eben nicht genauso wie sie bürgerlich, gebildet und grün-linksliberal sind.

Für Dora stellt sich heraus, dass dieser Mann mit der Glatze, dem Drei-Tage-Bart, dem strengen Geruch, dem verwaschenen Blick und dem Hang zur Gewalt und Aggression gar nicht nur unsympathisch ist. Und sie muss feststellen, dass sie auf rechte Parolen, rassistische Witze und menschenverachtende Kommentare gar nicht so schlagfertig reagieren kann, wie sie immer dachte. Statt dessen verfällt sie in eine Art Schockstarre.

Über Menschen: Ein durchweg menschlicher / menschelnder Roman

Über Menschen führt in epischer Breite Menschen vor – der Titel nimmt es ja schon voerweg – Menschen, die von außen betrachtet schlicht verabscheungswürdig sind, die sich teils unmöglich verhalten, Menschen, mit denen man (oder hier: Dora) normalerweise nicht abgeben würde. Eben weil sie glaubt, dass sie über diesen Menschen steht, besser ist als sie.

Gemeinsam mit Dora, bei der die Erzählperspektive konsequent bleibt, lernt man als Leser*in Situationen kennen, in denen Schwarz-Weiß-Denken nicht greift, in denen die Schubladen nicht so recht passen wollen. Statt dessen merkt man, wie Doras Vorannahmen und vor allem auch ihre eigene Selbstwahrnehmung schrittweise bröckeln und wie sie sich langsam Menschen annähert, denen sie sich niemals hätte annähern wollen.

Keine Legitimation für Fremdenfeindlichkeit, Nazis und rechtes Gedankengut

Dabei ist eines von besonderer Wichtigkeit und kann gar nicht genug betont werden: Über Menschen versucht nicht, stumpf bekannte Klischees zu bedienen („Ach ja, in Ostdeutschland sind natürlich alle Nazis und wählen AFD.“). Diese Klischees spielen natürlich eine Rolle, denn diese werden an Dora von außen natürlich herangetragen und befinden sich auch von Vornherein ein ihr, bis sie dann entlarvt oder zumindest in Frage gestellt werden.

Entscheidend ist dabei, dass Figuren wie Gote an keiner Stelle verharmlost werden und der Roman auch nicth behauptet, dass Gote eigentlich im Kern ein guter Mensch sei. Statt dessen gelingt es zu zeigen, dass Menschen eben nicht in eindeutig beschriftete Schubladen passen, dass es zwei Seiten geben kann, dass es Widersprüche in der Welt gibt, die miunter sehr schwer auszuhalten sind.

Diese Ambivalenz, diese Doppeldeutigkeit, diese Widersprüche treibt der Roman auf die Spitze. Manchmal tut das weh, manchmal ist es zum Schreien komisch. Es gibt also keine Eindeutigkeit, sondern immer nur ein „sowohl als auch“. Juli Zeh möchte nicht entschuldigen, verzeiehen oder legitimieren. Sie möchte aufzeigen, enthüllen, darstellen. Manchmal möchte sie auch provozieren. Es gehe ihr nicht darum, Widersprüche aufzulösen, sondern darum sie auszuhalten.

Über Menschen – Eine klare Leseempfehlung!

Juli Zehs Über Menschen ist stilistisch großartig, hat ein hohes Erzähltempo und ist daher an keiner Stelle langweilig. Es gibt hochgradig interessante Figuren, ein paar wurden hier bereits skizziert, und die Dialoge, die sich zwischen ihnen entspinnen sind ausgezeichnet geschrieben, sehr pointiert und immer entlarvend. Auch sprachlich setzt Juli Zeh immer wieder Ausrufezeichen, wobei dieser Roman nicht so motivbeladen und bildhaft ist wie andere von Juli Zehs Texten.

Trotzdem gibt es auch hier einige wohlgesetzte Zeh-typische Motive, etwa wenn Dora immer wieder von dem Astronauten Alexander Gerst schwärmt, weil sie mal gehört hat, dass Astronauten die nettesten Menschen der Welt seien. Oder dann wären da noch – ähnlich wie in „Unterleuten“ – ein Vogel-Motiv, ein Eichelheer, der an mehreren Stellen im Roman eine Rolle spielt, oder die metaphorische Mauer, die Doras Grundstück von dem ihres Nazi-Nachbarn trennt.

Zwischendurch scheint es so, als würde der Roman allzu sehr in die gesellschaftliche Utopie abdriften, fast wie ein Märchen wirkt er kurz vor dem Ende. Glücklicherweise erweist sich das als Fehlschluss und die Utopie wird ins Gegenteil verkehrt, und das ist auch gut so, denn sonst wäre die Botschaft des Romans doch arg verwässert worden. Alles andere hätte schlicht nicht gepasst.

Shownotes und Links:
Juli Zehs Roman „Über Menschen“ beim Luchterhand Verlag
Autorinnenseite von Juli Zeh beim Luchterhand Verlag
Hörbuch zu Juli Zehs Roman „Über Menschen“ bei Der Hörverlag
Interview mit Juli Zeh im ZEIT-Podcast „Alles gesagt“
Folge 27 von „Auf ein Buch!“ zu Thea Dorns Roman „Trost“
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