Folge 32: Till Raethers Roman „Treue Seelen“

Till Raethers Roman „Treue Seelen“

Achim und Barbara ziehen 1986 aus der Provinz nach West-Berlin. Sie erhoffen sich nicht nur eine neue berufliche Chance für Achim, der eine Stelle beim Bundesamt für Materialprüfung antritt, sondern auch einen gemeinsamen Neuanfang in der vermeintlich schillernden Metropole. Doch es kommt ganz anders, denn ihr neues Leben ist geprägt von Tristesse, kleinbürgerlicher Spießigkeit und der diffusen Angst vor den Folgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl.

Zudem verliebt sich Achim in die zehn Jahre ältere Nachbarin Marion, mit der er heimlich Ausflüge nach Ost-Berlin unternimmt, wo sie vor 25 Jahren bei ihrer Flucht ihre Mutter und ihre Schwester zurückließ. Till Raether erzählt in seinem neuen Roman Treue Seelen mit viel Charme und Witz eine gefühlvolle und spannende Liebes- und Familiengeschichte vor dem Hintergrund von 80er-Jahre-Flair, von Ost und West und von radioaktivem Regen.

Treue Seelen: Vor allem eine Liebesgeschichte

Zunächst mal ist dieser Roman ein klassischer Liebes- oder Beziehungsroman und da liegt auch der Schwerpunkt der Erzählung. Das sollte einem auch bewusst sein, bevor man zu diesem Buch greift. Das meiste Politische oder Gesellschaftliche dient allenfalls als Schablone, als Hintergrundgeräusch für diese Paargeschichte von Achim und Barbara, von Marion und ihrem Mann Volker.

Der Roman seziert recht kleinschrittig, welch zerstörerische Auswirkung Routine, Langeweile und Unsicherheit auf eine Beziehung haben können. Er fragt, wie die genannten Aspekte eine ohnehin schon fragile Beziehung ins Wanken bringen können. Barbara und Achim sind natürlich schon vor ihrer Ankunft in Berlin nicht mehr richtig glücklich. Man merkt, dass eine gewisse Sättigung, eine Gewöhnung stattgefunden hat. Diese ist auch beiden bewusst, aber sie sprechen nicht darüber.

Sie erhoffen sich eher, dass sich durch den Ortswechsel in das vermeintlich sehr aufregende Berlin, dem Ort von David Bowie und Christiane F., neue Impulse für ihr gemeinsames Leben ergeben. Aber von Anfang an ist klar, dass das nicht der Fall ist, denn die Katastrophe von Tschernobyl führt zu einem absoluten Stillstand und zu einer sehr greifbaren Verunsicherung. Diese wird beinahe – zumindest im Fall von Barbara – zu einem regelrechten Gefängnis, aus dem man nicht ausbrechen kann.

Viel Oberfläche, wenig echte Kommunikation

Dazu kommt die Nachbarschaft, in der die beiden ihr neues Leben beginnen. Diese ist absolut spießig und kleinbürgerlich im negativsten Wortsinn und gibt so einfach keine Möglichkeit zur Entfaltung. Da wird viel beobachtet und getratscht und miteinander übereinander gesprochen, was letztlich auch der Grund ist, warum die Affäre, die Achim mit der Nachbarin Marion beginnt, nicht lange unbemerkt bleibt.

Gleichzeitig verbleibt dieses Gerede hinter dem Rücken aber auch die einzige Art der Kommunikation. Alle anderen Gespräche sind oberflächlich und offener und ehrlicher Austausch, also direkte Kommunikation, findet nicht statt. Das gleiche gilt übrigens auch für die Beziehungen zwischen Achim und Barbara und Marion und Volker. Alle Figuren formulieren ständig irgendwelche Annahmen oder interpretieren das Verhalten der anderen, versuchen Erklärungen zu finden, aber es kommt nie vor, dass sie sich mal hinsetzen und miteinander reden

Tristesse als Erzählkonzept? – Auf das Zusammenspiel kommt es an!

Und das ist eben ganz bezeichnend für das, was da zwischen den beiden Paaren schief läuft: Sie sind gefangen, gefangen mit sich und in der Welt, in der sie leben und es gibt keine Ventil, keine Möglichkeit, über die eigenen Sehnsüchte, die eigenen Gefühle zu sprechen. Unterstrichen wird das alles sehr schön durch die Erzählperspektiven, der Roman nutzt die personale Erzählweise (mit auktorialen Anteilen) und lässt die Leserinnen und Leser so abwechselnd durch die Augen von Achim, Barbara, Marion und Volker blicken, wobei man sagen muss, dass Achims Blickwinkel den Großteil der Erzählung ausmacht.

Dennoch passt das gut, erlaubt es doch, sich in die Figuren hineinzuversetzen, auch wenn die, wenn man sie nur für sich nimmt, überhaupt nicht interessant oder spannend sind. Barbara zum Beispiel scheint eine gähnend langweilige Person zu sein, gleiches gilt im Grunde auch für Achim. Doch muss man das Zusammenspiel der Figuren betrachten und wenn man dann noch den Hintergrund berücksichtigt, vor dem sich das ganze entfaltet, dann entwickelt sich eine Dynamik, der man sich nur schwer entziehen kann.

Raethers Berlin der 80er Jahre: Sillstand statt Glamour

Raether schafft es in seinem Roman, die besondere Stimmung der 80er Jahre in Berlin einzufangen, ohne dabei einfach nur Orte oder kulturelle Aspekte zu benennen, sondern stattdessen diese geschickt in die Handlung zu integrieren. Natürlich gibt es an der einen oder anderen Stelle Anspielungen, die einem sofort ins Auge springen, aber dieses Bild von Berlin, von der geteilten Stadt, das hier gezeichnet wird, ist eben nicht stereotyp oder klischeebeladen. Das liegt vor allem auch an dieser Zehlendorfer Szenerie, dieser Nachbarschaft, die für sich genommen durchschnittlicher und uninteressanter kaum sein könnte.

Aber genau das ist offenbar das, was den Zeitgeist ausmacht, was Raether auf den Punkt bringen möchte:Berlin ist in dieser Zeit eben kein kultureller Hotspot, kein Schmelztiegel , wie man das heute rückblickend vielleicht erwarten würde. Berlin ist einfach auch ziemlich öde und nichtssagend, wenig inspirierend, was ja auch genau das Problem ist, das Achim und Barbara haben, nachdem sie in Berlin ankommen. Sie finden nichts von dem vor, was Berlin vermeintlich ausmacht, im Gegenteil.

Treue Seelen: Ein sprachlicher und erzählerischer Diamant

Über allem steht jedoch die sprachliche und erzählerische Ausgestaltung dieses Romans, denn die ist wirklich bemerkenswert: Inhalt und Form stehen in einem spannungsvollen Zusammenhang, während der Ton der Erzählung eher leicht, locker und auch sehr humorvoll ist, ist sein Inhalt doch eher grau, traurig und stellenweise regelrecht beklemmend. Und genau das macht den Reiz der Erzählung aus.

Gerade wenn in Treue Seelen genaustens seziert wird, wie die Figuren gegenüber einander nichts offenbaren, sondern verschlossen bleiben und sich eher bedeckt halten, dann wird es richtig interessant. Zudem besteht auch ein auffallender Kontrast zwischen den Figuren und ihrem Leben, das im Prinzip von großer Langeweile und Banalität gekennzeichnet ist. Doch eben das ist sehr effektvoll, weil es den Unterschied zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Privatem und Öffentlichem verdeutlicht.

Ein Chor aus halbstarken Mädchen

Dieses „Draußen“, das Öffentliche wird zudem durch einen cleveren erzählerischen Kniff hervorgehoben. In Treue Seelen gibt es eine Art Chor, einen Chor wie im klassischen antiken Theater, der das Geschehen kommentiert und bewertet. Das sind in diesen Fall drei Schwestern aus der Nachbarschaft, in der Achim und Barbara leben, und die an unterschiedlichen Stellen im Roman auftreten.

Einerseits sorgen sie für ein wenig comic relief, denn sie sie ziemlich verzogene halbstarke Mädchen, aber sie tun auch genau das, was der Chor im antiken Theater tut: Sie fungieren als Beobachtende, als Kommentierende, als moralische Instanz, als SprecherInnen für das Volk sozusagen. Das sind Kleinigkeiten, die innovativ anmuten und die man an anderer Stelle so noch nicht unbedingt gelesen hat. Generell ist Till Raether ohnehin ein sehr moderner Erzähler, seine Sprache bleibt oft fragmentiert, seine Sätze sind parataktisch und assoziativ und manchmal auch schlicht unvollständig. Das passt gut zu der Kommunikationslosigkeit der Figuren, zu der Unfähigkeit, die eigenen Bedürfnisse mitzuteilen.

Till Raethers Treue Seelen: Unbedingte Leseempfehlung!

An Till Raethers Roman kann man wenig aussetzen. Man ist schnell fasziniert von der Welt, die sich entfaltet, und auch von den Figuren. Es gelingt im Text immer wieder, an verschiedenen Stellen Spannungspunkte zu setzen, die bei Laune halten. Gleichzeitig ist die erzählerische und sprachliche Qualität sehr hoch, der Roman weiß zu unterhalten und schafft es trotzdem dabei, nicht flach oder nichtssagend zu werden.

Man kann daraus viel mitnehmen über die Natur des Menschen und gerade auch über die Natur des Menschen in Beziehungen. Und letztlich auch etwas über die Atmosphäre und die Stimmungen zur Mitte der 1980er Jahre in Berlin. Hier reiht sich Till Raethers Roman ein in eine Reihe anderer sehr erfolgreicher Berlin- bzw. 80er-Jahre-Erzählungen, man denke an Sven Regener, Lutz Seiler oder Frank Goosen, die einen vergleichbaren Ton anschlagen.

Hinweis: Für die Erstellung des Blog-Beitrags und der Podcast-Folge wurde mir ein Rezensionsexemplar vom btb Verlag zur Verfügung gestellt.

Shownotes und Links:
Till Raethers Roman „Treue Seelen“ beim btb Verlag
Autorenseite von Till Raether beim btb Verlag
Till Raethers Memoiren „Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?“ beim Rowohlt Verlag
Autorenseite von Till Raether beim Rowohlt Verlag
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Folge 1 zu Lutz Seilers Roman „Stern 111“

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