Folge 30: Klaus Modicks Roman „Fahrtwind“

Joseph von Eichendorffs Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ // Klaus Modicks Roman „Fahrtwind“

Hinweis: Für die Erstellung dieser Folge wurde mir ein Rezensionsexemplar von Klaus Modicks Fahrtwind vom Verlag Kiepenheuer & Witsch zur Verfügung gestellt.

Deutschland in den frühen 1970er Jahren, der Zeit von Studentenprotesten, RAF, Hippies und bewusstseinserweiternden Substanzen: Ein junger Mann möchte keinesfalls in der väterlichen Firma als „& Sohn“ enden, also packt er seine Gitarre ein und verlässt das elterliche Zuhause, nur um kurz darauf von zwei Frauen im Cabrio aufgelesen zu werden. Hier beginnt seine abenteuerliche Reise, die ihn über Wien bis nach Rom führen wird. Unterwegs erlebt er allerlei verworrene Abenteuer, trifft skurrile Figuren, macht Erfahrungen mit halluzinogenen Pilzen und ist dabei immer auf der Suche nach seiner „Allerschönsten“, einer der beiden Frauen aus dem Cabrio.

Klaus Modick modernisiert in Fahrtwind Eichendorffs Taugenichts

Wem die Geschichte bekannt vorkommt, der hat natürlich recht. Modicks Roman Fahrtwind nimmt sich Eichendorffs romantische Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts zum Vorbild. Eichendorffs bekannte Erzählung wurde 1826 veröffentlicht und die Hauptfigur ist der Sohn eines Müllers, dessen Vater ihn eines Tages als einen Taugenichts bezeichnet. Der Sohn beschließt daraufhin, sein Elternhaus zu verlassen und in die Welt hinauszuziehen. Nur mit wenigen Habseligkeiten, vor allen Dingen aber mit seiner Geige, macht er sich auf den Weg.

Er hat kein klares Ziel vor Augen und lässt sich stattdessen einfach treiben. Bald wird er von zwei Damen in ihrer Kutsche mitgenommen und natürlich verliebt er sich prompt in die jüngere der beiden. Bald muss er jedoch feststellen, dass sie unerreichbar für ihn ist. Am Ende stellt sich jedoch nach vielen Verwirrungen, Missverständnissen und verschiedenen Abenteuern, die der Taugenichts bestehen muss, heraus, dass nicht wie angenommen eine Adelige ist. Somit steht einer Hochzeit nichts mehr im Wege.

So funktioniert Modicks Eichendorff-Hommage

Blickt man nun auf den Inhalt von Klaus Modicks Eichendorff-Hommage, dann müsste man sich nahezu vollständig wiederholen. Denn im Grunde unterscheidet sich Modicks Roman Fahrtwind an keiner Stelle grundsätzlich von Eichendorffs Novelle, es ist lediglich eine Aktualisierung der Geschichte. Modick verlegt die Taugenichts-Geschichte in die 1970er Jahre, die Zeit von Studentenprotesten, Aufständen an den Universitäten, die Hochphase der Hippie-Bewegung und des RAF-Terrors.

Modicks Roman funktioniert so, dass die Handlungselemente aus Eichendorffs Vorlage übernommen werden und lediglich in den zeitgeschichtlichen Kontext eingebettet werden, d.h. aus einer Kutsche wird ein Auto, aus einer Geige eine Gitarre, aus den Prager Musikern wird eine zotige Rockband. Gespickt wird der Text immer wieder mit Zitaten von Eichendorff höchstpersönlich. Eingebettet wird alles in eine knappe Rahmenhandlung, in der ein Erzähler (der möglicherweise Klaus Modick selbst ist) in seinem Bücherregal Eichendorffs Novelle findet und sich an seine Studienzeiten erinnert. Er fragt sich, wie dieser Taugenichts wohl in seiner Zeit ausgesehen hätte.

Kritik an der Leistungs- und Nützlichkeitsgesellschaft

Was man landläufig in Literaturwissenschaft und Kritik über Modicks Stil und seine Sprache sagt, trifft zu: Leichtfüßig und locker ist diese im Ton, manchmal wirkt sie etwas angestaubt und manches will ein bisschen zu sehr gefallen und wirkt gewollt. Dennoch kann man sagen, dass sich Fahrtwind entspannt weglesen lässt. Es ist ein Stück Unterhaltungsliteratur – und das ist hier gänzlich wertfrei gemeint – den Leser*innen wird eine gut konstruierte Geschichte erzählt, die in einer bestimmten literarischen Tradition steht und diese Geschichte ahmt das Vorbild treffend nach.

Auch in seiner Kritik an Nützlichkeits- und Effizienzgesellschaft ist Modicks Roman brandaktuell, genauso übrigens wie Eichendorffs Vorlage. Der jeweilige Protagonist wendet sich ab von einer Gesellschaft, die um jeden Preis ein produktives Mitglieder deselben aus ihm machen will. Ein Mitglied, dass sich den (früh-)kapitalistischen Vorgaben unterordnet und nach diesen handelt und lebt. Modick (und Eichendorff ebenso) zeigt am Beispiel seiner Hauptfigur, wie ein Ausbruch aussehen kann. Er führt anschaulich vor, wie man dem Hamsterrad entgehen kann.

Modicks Protagonist strebt nach maximaler Selbstentfaltung. Er wünscht sich ein Leben abseits der Bürgerlichkeit und der Spießigkeit. Dass er eigentlich nichts richtig kann – mit Ausnahme des Gitarrespielens vielleicht – spielt dabei keine Rolle. Er wird sich schon irgendwie durchschlagen. Er lässt sich treiben, ihm ist es egal, wo sie gestern war, heute ist oder morgen seind wird.

Alles fällt ihr zu, nichts muss sich erarbeitet werden, vieles wird dem Zufall und dem Glück überlassen. Er ist ein echter Lebens- oder Überlebenskünstler, der scheinbar zielsicher von einer Gelegenheit in die nächste stolpert. Ihm kommt es nicht darauf an, die Welt zu erleben oder irgendeinen konkreten Sinn oder Ziel darin zu finden. Es geht ihm einzig und allein darum, das genaue Gegenteil von dem zu tun, was von ihm erwartet wird.

Willkürliche Verortung in die 1970er Jahre

Dass die 1970er Jahre als Kontext für einen solchen Gesellschaftsaussteiger oder -verweigerer gut passen, liegt auf der Hand. Ein sehr zentrales Problem ist jedoch, dass die Übertragung des klassischen Stoffs in eben diese Zeit nicht so recht funktionieren will. Das liegt keinsfalls an den mangelnden Bezügen, im Gegenteil, der Hintergrdanke ist verständlich und nachvollziehbar.

Es ist viel mehr die Art und Weise, wie in Fahrtwind Verbindungen hergestellt werden und wie diese Zeit wachgerufen werden soll. Das geschieht allenfalls in Form von Namedropping, wodurch leider kein echtes Gefühl für die Zeit transportiert wird. Das hat auch damit zu tun, dass der Protagonist davon losgelöst zu leben scheint. Atmosphäre und Stimmung bleiben so recht dünn und der zeitliche Rahmen wirkt willkürlich – es hätten wohl auch die 50er oder die 90er Jahre sein können.

weil auch der Protagonist irgendwie davon losgelöst zu leben scheint è atmosphärisch und stimmungstechnisch fand ich den Roman ziemlich dünn bzw. der zeitliche Rahmen wirkt oft sehr willkürlich, das hätten auch die 50er oder 90er Jahre sein können. Eine eigene Dynamik entwickelt sich nicht, alles plätschert dahin und eine Funktion erschließt sich leider auch nicht.

Die Vorlage: Eichendorffs Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“

Kaum Fahrtwind: Viel Kopie, keine Innovation

Dazu ist Modicks Fahrtwind weitgehend eine 1:1-Übertragung des klassischen Eichendorff-Textes, dabei werden nur einzelne Elemente einfach in die literarische Gegenwart getragen: aus einer Kutsche wird ein Mercedes Cabrio, aus der Geige wird die Gitarre. Orginialität entsteht dadurch nicht, obwohl man bei diesem historischen Setting mehr Kreativität und Innovation hätte erwarten können. Leider bleibt der Wunsch nach Orginalität unerfüllt.

„»Fahrtwind« ist ein schillernder Roman über das Loslassen und Ausreißen, über unstillbare Sehnsucht, die Wirren der Liebe, den Rausch und die Kraft der Musik. Kunstvoll und einfühlsam porträtiert Klaus Modick einen modernen Taugenichts, der sich mit Witz, Ironie und Fantasie den gesellschaftlichen Konventionen und Zwängen seiner Zeit widersetzt. Und Eichendorff winkt aus der Ferne.

Verlagsankündigung von Kiepenheuer & Witsch

Fahrtwind wird als ein Roman verkauft bzw. beworben, der zarte Bande zu Eichendorffs Original knüpft, diesen modernisiert, ihn aktualisiert. Doch Eichendorffs Winken aus der Ferne (s. Zitat oben) trifft es nicht, im Gegenteil, es fühlt sich vielmehr so an, als stünde Eichendorff direkt neben mir und verprügele mich mit der Reclam-Ausgabe des Taugenichts.

Nach der Lektüre fragt man sich, ob Literatur zwingend vordergründig kritisch sein muss. Die Antwort ist vermutlich: Nein. Dann ist Modicks „Fahrtwind“ eine unterhaltsame Erzählung (gerade wenn man Eichendorffs Vorlage nicht kennt), die zwischendurch allerlei offene Fragen aufwirft und bei der lange unklar ist, wie die einzelnen Handlungselemente letztlich zusammenhängen. Wer darauf Lust hat, sollte diesen Roman ruhig lesen oder doch gleich zu Eichendorffs Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts greifen: Da bekommt man ebenfalls ein kompaktes und kurzweiliges Lesevergnügen und man kennt dann auch Klaus Modicks Fahrtwind direkt mit.

Shownotes und Links
Klaus Modicks Roman „Fahrtwind“ bei Kiepenheuer & Witsch
Autorenseite zu Klaus Modick bei Kiepenheuer & Witsch
Joseph von Eichendorffs Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ beim Reclam Verlag
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Folge 19 zu Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“

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