Folge 18: Verena Kesslers Roman „Die Gespenster von Demmin“

Verena Kesslers Roman „Die Gespenster von Demmin“

Larissa, genannt Larry, ist 15 Jahre alt und lebt in Demmin, einer Kleinstadt im östlichen Mecklenburg-Vorpommern. Sie hat einen außergewöhnlichen Berufswunsch: Kriegsreporterin möchte sie werden und damit ihrer tristen Lebenswelt entfliehen, denn eine schreckliche Geschichte hängt wie ein verhängnisvoller Schleier über Demmin und seinen Einwohnern. 1945 geschah hier einer der größten Massenselbstmorde der deutschen Geschichte. Verena Kessler geht es in ihrem Debütroman Die Gespenster von Demmin nicht um eine historische Auseinandersetzung mit dem Stoff. Viel mehr zeigt sie, wie Vergangenheit und Gegenwart, Leben und Tod zusammenhängen und inwiefern eine Kollektiverfahrung einen ganzen Ort nachhaltig prägen kann.

Der historische Hintergrund zu Die Gespenster von Demmin

Hintergrund von Verena Kesslers Roman Die Gespenster von Demmin ist ein real-historisches Ereignis. In Demmin, einer Kleinstadt im östlichen Mecklenburg-Vorpommern, ereignete sich 1945 ein Massenselbstmord, bei dem mindestens 900, wenn nicht weit über 1000 Menschen starben. Die genaue Zahl lässt sich historisch nicht mehr rekonstruieren, in jedem Fall starb aber etwa jeder 17. Einwohner. Damit handelt es sich hier um einen der größten Massenselbstmorde in der deutschen Geschichte.

Grund für die Tragödie war der Rückzug der Wehrmacht aus der Stadt. Bei diesem Rückzug sprengte die Wehrmacht alle Brücken, die aus der Stadt führten und schnitt so die hiesige Bevölkerung den Weg zur Flucht ab. Aus dem Osten näherte sich zeitgleich die Rote Armee und weil die Menschen nicht wussten, was sie von den russischen Soldaten zu erwarten hatten, bzw. weil sie aufgrund von NS-Propaganda Schlimmstes befürchteten, entschieden viele, sich das Leben zu nehmen. Besonders tragisch daran ist, dass es sich bei den Einwohnern fast ausschließlich um Frauen und Kinder handelte, die sich vergifteten oder in der Peene, dem Fluss, der westlich des Ortskerns verläuft, ertränkten.

Die Gespenster von Demmin ist kein historischer Roman

Verena Kesslers Debütroman Die Gespenster von Demmin spielt jedoch in der Gegenwart. Die Geschichte des Handlungsortes Demmin hat aber einen leitmotivischen Charakter und zieht sich so wie ein roter Faden durch die Handlung und verbindet die einzelnen Figuren miteinander.

Hauptfigur der Geschichte ist die 15-jährige Larry, die mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einem kleinen Häuschen in Demmin lebt. Larry hat einen ziemlich außergewöhnlichen Berufswunsch. Sie möchte nämlich Kriegsreporterin werden und bereitet sich bereits darauf vor, indem sie sich vor allem verschiedene Dokus zu dem Thema ansieht. Aber auch körperlich trainiert sie, indem sie etwa ausprobiert, wie lange sie es aushält, kopfüber von einem Apfelbaum zu hängen. Und sie träumt davon, einmal Waterboarding zu versuchen.

Es gibt im Roman dazu noch eine zweite Stimme, die aber insgesamt weniger Platz einnimmt. Diese zweite Stimme ist Frau Dohlberg, eine ältere Dame, die gegenüber von Larry lebt. Sie ist körperlich sehr angeschlagen, und sie soll bald in ein Altersheim ziehen, weshalb sich ihre Wohnung gerade im Prozess der Auflösung befindet. Frau Dohlberg hat damals den Massenselbstmord in Demmin miterlebt und eigentlich sollte sie dort auch sterben, aber sie und ihre Schwester entschieden sich dazu zu leben.

Überraschende Wendungen und großartige Figuren

Viel mehr sollte zum Inhalt gar nicht gesagt werden, denn der Roman Die Gespenster von Demmin von Verena Kessler lebt sehr von seinen überraschenden Wendungen und unvorhersehbaren Entwicklungen. So viel sei gesagt: Am Ende wird die Geschichte sehr dramatisch.

Dazu lebt der Roman von seinen großartig gezeichneten Figuren. Am besten gefallen hat mir Larry. Larry ist ein intelligentes Mädchen, vor allem ist sie auch emotional intelligent, dabei aber auch sarkastisch, fast zynisch manchmal und in jedem Fall nicht auf den Mund gefallen. Ihre fast rotzigen Kommentare sind genau das, was von man von einem pubertierenden Teenager erwarten würde. Dabei driftet die Figur jedoch niemals ins Klischeehafte oder Stereotype ab. Auch das übrige Figureninventar ist äußerst glaubhaft und fügt sich nahtlos in die erzählte Welt Demmins ein.

Die Gepenster von Demmin lebt in der erzählerischen Gestaltung auch von einem kontrastiven Reichtum. Denn in der Stimme von Frau Dohlberg, die nachvollziehbarerweise etwas ruhiger und gediegener ist, schafft Verena Kessler einerseits Distanz, andererseits wird so auch der Perspektivwechsel noch deutlicher. Die Stimmung und Atmosphäre in diesen Passagen sind melancholisch und traurig. Frau Dohlberg lebt ein sehr tristes Leben in Demmin, zwar hat sie den Massenselbstmord überlebt, aber nun ist sie an einem Punkt in ihrem Leben, an dem es eigentlich nichts mehr gibt, wofür es sich zu leben lohnt. Engere Verwandtschaft gibt es nicht, außer einem Neffen namens Steffan, der allerdings nur vorbeikommt, wenn es darum geht, die ältere Dame endlich ins Altersheim abzuschieben.

Die Frage nach der kollektiven Geschichte

Am Ende stellt sich die Frage, wo die Verbindung zwischen der 15-jährigen Larry und der Historie Demmins besteht. Die Antwort ist subtil und liegt in dem historischen Schleier, der über Demmin und dessen Einwohnern hängt. Der Roman Die Gespenster von Demmin ist keine dezidierte Auseinandersetzung mit dem Massensuizid von Demmin, auch ist er nicht politisch oder historisch analytisch. Das alles wäre auch für einen verhältnismäßig kurzen Roman, dazu noch ein Erstlingswerk, zuviel verlangt.

Was Verena Kessler aber in jedem Fall gelingt ist aufzuzeigen, wie Historie einen Schatten werfen kann, wie Geschichte einen kollektiven Charakter annehmen kann. Es ist nicht so, dass Larry selbst direkt von diesem historischen Ereignis betroffen wäre. Sie setzt sich auch nicht intensiv damit auseinander, auch wenn es hier und da zur Sprache kommt und sie auch zum Ende des Romans damit konfrontiert wird. Aber die Allgegenwart des Todes hat die Menschen schon immer beschäftigt und es gibt unterschiedliche Arten damit umzugehen.

Und hier spannt sich aus meiner Sicht der Bogen zwischen den Generationen die Geschichte Demmins haftet den Menschen noch an. Es stellt sich die Frage, inwiefern so ein traumatisches Ereignis sozusagen vererbbar ist. Das ist letztlich auch die zentrale Fragen des Romans bezogen auf dessen Hauptfigur: Kann Larry es schaffen, sich von diesem Ort zu lösen? Kann sie sich emanzipieren? Welche Wege gibt es für sie, das zu erreichen? Oder bleibt sie letztlich in dieser klaustrophobischen Enge gefangen?

Was den Roman am Ende so stark macht ist der Ton, in dem diese Schwere, diese komplexen Thematiken gezeigt werden. Denn dieser Ton ist nicht nur traurig und melancholisch, sondern eben auch empathisch und sehr humorvoll. Es ist ein Ton, der Hoffnung spendet. Man darf sehr gespannt sein, was in Zukunft noch von Verena Kessler zu lesen sein wird.

Shownotes und Links:

Verena Kesslers Roman „Die Gespenster von Demmin“ beim Hanser Verlag

Interview mit Verena Kessler bei „zwischen/miete NRW digital“ (YouTube)

Jan N. Lorenzen/Siv Stippekohl: „Massenselbstmord in Demmin“ (NDR.de)

„Auf ein Buch! – Der Literaturpodcast“ bei Spotify

Folge 17 zu Mercedes Spannagels Roman „Das Palais muss brennen“

2 Antworten auf „Folge 18: Verena Kesslers Roman „Die Gespenster von Demmin““

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