Folge 20: Judith Zanders Roman „Johnny Ohneland“

Judith Zanders Roman „Johnny Ohneland“

Joana, genannt Johnny, wächst auf in der mecklenburgischen Provinz. Von dort beginnt sie eine Reise über mehrere Jahrzehnte auf der Suche nach sich selbst, ihrer Identität, ihrer Geschlechterrolle. Für Johnny geht es dabei von der DDR über Finnland und Leipzig bis nach Australien. In ihrer Coming-of-Age-Geschichte erzählt Judith Zander in ihrem Roman Johnny Ohneland von brandaktuellen gesellschaftlichen Fragen, jederzeit ohne Klischee, dafür mit viel Gefühl und Introspektion. Und doch: Die lyrische Sprachgewalt und die ungewöhnliche Erzählperspektive fordern Leserinnen und Lesern alles ab.

Johnny Ohneland: Eine Coming-of-Age-Geschichte

Der Roman beginnt, als Johnny von einer Reise aus Australien zurückkehrt und sich auf einem quälenden Langstreckenflug befindet. Von hier aus reflektiert die Hauptfigur aus Judith Zanders Roman Johnny Ohneland ihr Leben. Dieses beginnt in den 1980er Jahren in der ostdeutschen Provinz. Dort lebt sie mit ihren Eltern und ihrem ein Jahr jüngeren Bruder Charlie.

Joana oder Johnny: Eine Außenseiterin

Für Joana ist früh klar, dass sie anders ist. Es fällt ihr schwer, Freunde zu finden und in der Schule fühlt sie sich auch nicht wohl. Sie ist auf der Suche nach ihrer Identität, möchte dabei aber auf keinen Fall mit den gängigen Kategorien arbeiten. Als Mädchen fühlt sie sich nicht, als Junge auch nicht, sie ist eben Joana oder Johnny. Diesen Namen verpasst ihr ihr Bruder beim Western-Spielen.

Judith Zanders Roman Johnny Ohneland zeichnet nun Johnnys Leben nach und seziert dabei aufs Genauste ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihre Entwicklung, ja, letztlich ihr gesamtes Selbstkonzept. Dabei umspannt der Roman mehrere Jahrzehnte und rekapituliert die einschneidenden Erlebnisse in Johnnys Leben: das plötzliche Verschwinden der Mutter, erste sexuelle Erfahrungen und Beziehungsproben, ein Auslandsstudium in Finnland und schließlich eine Reise nach Australien.

Über allem stehen dabei immer die Fragen nach Identität und Selbst. Nach Geschlechterrollen und Selbstverständnis. Nach Konzeption und Kategorisierung. Man merkt schnell, dass sich Judith Zander hier Großes vorgenommen hat, nicht umsonst schlägt der Roman mit mehr als 500 Seiten zu Buche.

Judith Zanders Johnny Ohneland: Ein Roman jenseits von Klischees

Es ist offensichtlich, dass Judith Zander mit Johnny Ohneland einen brandaktuellen Roman geschrieben hat. Äußerst beachtlich ist dabei, dass es Judith Zander gelingt, in ihrem Text dessen zentrale Fragen und Konflikte gänzliche ohne Klischees und Stereotype vorzuführen. Johnny ist eben Johnny. Eine Einordnung in Schubladen lehnt sie kategorisch ab und das ist beim Lesen eine echte Wohltat. Auch das gängige Vokabular aus dem Gender-Diskurs sucht man vergeblich. Und gerade das macht die Wirkung des Textes umso nachdrücklicher.

Eine sprachliche und erzählerische Herausforderung

Trotzdem ist Judith Zanders Roman eine Herausforderung. Und das hat vor allem mit der erzählerischen und sprachlichen Darstellung zu tun. Man merkt jedem Satz an, dass Judith Zander von Haus aus Lyrikerin ist: Die Sprache ist bildgewaltig, poetisch und feingliedrig. Man merkt den Spaß am Spiel mit der Sprache in jeder Zeile, in jedem Absatz. Das auf einer Länge von über 500 Seiten so konsequent durchzuhalten, ist beachtlich. Trotzdem strengt es an und man muss sich sehr konzentrieren, um nicht den Faden zu verlieren.

Ähnlich verhält es sich mit der Erzählperspektive. Die extrem ungewöhnliche Du-Perspektive passt einerseits hervorragend zum Ziel der Darstellung. Johnny spricht introspektiv mit sich selbst und gleichzeitig auch irgendwie mit dem Leser, man hat das Gefühl, Johnny würde zu einem sprechen. Man fühlt sich angesprochen. Auch hier passen Form und Funktion eigentlich perfekt zusammen. Und doch: Es dauert, bis man sich daran gewöhnt hat, bei mir ungefähr bis zur Hälfte des Romans. Nicht jeder hat zwangsläufig so viel Durchhaltevermögen.

Shownotes und Links

Judith Zanders Roman „Johnny Ohneland“ beim dtv-Verlag

Hörbuch zu Judith Zanders „Johnny Ohneland“ bei Der Audio Verlag

Interview mit Judith Zander in der ARD-Sendung „Druckfrisch“ mit Denis Scheck

„Auf ein Buch!“ bei Spotify

Folge 18 zu Verena Kesslers Roman „Die Gespenster von Demmin“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert