Folge 45: Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“

Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ (hier in der Ausgabe vom Suhrkamp Verlag)

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“ So beginnt eine der rätselhaftesten Erzählungen der Literaturgeschichte: Franz Kafkas Die Verwandlung.

Protagonist von Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung ist Gregor Samsa, seines Zeichens Vertreter für Tuchwaren, ein Handlungsreisender, der zuhause bei seinen Eltern und seiner Schwester Grete lebt und alleiniger Ernährer und Versorger der Familie ist. Da Gregor an diesem Morgen nicht pünktlich zur Arbeit erscheint, stattet der Prokurist seines Chefs der Familie einen Besuch ab, um sich nach Gregor zu erkundigen. Gregor hat sichtlich Schwierigkeiten, seinen neuen Körper zu kontrollieren und es gelingt ihm nur mit großer Mühe, die Tür zu öffnen. Als der Prokurist ihn sieht, ergreift er die Flucht und der Vater treibt Gregor zurück in sein Zimmer.

Obwohl der Familie nun durch Gregors Arbeitsunfähigkeit die Lebensgrundlagen entzogen zu sein scheinen, stellt sich heraus, dass der Vater ein nicht unbeträchtliches Vermögen angespart hat, sodass die Existenz vorläufig gesichert ist. Während die Eltern sich mehr und mehr zurückziehen, kümmert sich nur die Schwester Grete um Gregor. Dieser beginnt mehr und mehr seine tierische Existenz zu akzeptieren und nimmt zunehmend tierische Verhaltensweisen an. Als seine Mutter und seine Schwester eines Tages das Zimmer betreten, um dieses auszuräumen, sodass Gregor mehr Bewegungsfreiheit hat, versucht Gregor das Bild einer Dame im Pelz, an dem ihm besonders viel liegt, zu retten.

Bei diesem Anblick fällt die Mutter in Ohnmacht und als der Vater davon erfährt, bewirft er Gregor wütend mit Äpfeln und verletzt ihn dabei schwer. In der Folge dieser Verletzung geht es Gregor immer schlechter und gleichzeitig wird er weiter von der Familie isoliert, sie benutzen sein Zimmer sogar als Abstellkammer. Gleichzeitig nehmen sie drei Untermieter auf, doch als Gregor eines Tages – vom Geigespiel seiner Schwester angelockt – sich den Untermietern zeigt, kündigen diese sofort ihre Zimmer, was dazu führt, dass sich sogar die Schwester von Gregor abwendet. Kurz darauf stirbt Gregor und die Erzählung endet mit der Beschreibung eines Familienausflugs in die Natur.

Eine rätselhafte Geschichte

Was für eine abstruse Geschichte, könnte man jetzt vielleicht erstmal denke, aber gleichzeitig sind es gerade diese traumähnliche Handlung, das Rätselhafte eines Ungeziefers und die verwirrende Sachlichkeit, mit der Gregors Geschichte in Die Verwandlung erzählt wird, was eine Auseinandersetzung mit diesem Text so reizvoll macht

Direkt zu Beginn ist man als Leser*in mitten drin in diesem absurd anmutenden Geschehen und es ist nicht klar, ob Gregor wirklich ein Ungeziefer geworden ist oder ob es sich vielleicht einfach um einen Traum handelt – immerhin sagt der Erzähler ja auch direkt zu Beginn, dass Gregor aus „unruhigen Träumen“ erwacht sei. Oder ist das vielleicht alles einfach metaphorisch zu verstehen?

Zunächst ist das unklar, aber die Erzählung selbst stellt diese Fragen gar nicht, im Gegenteil, sie nimmt die Situation als gegeben hin. Als Außenstehende weiß man jedoch sofort, dass Gregor nun eine neue Rolle hat, er hat sich in einen „verwandelt“, der nutzlos ist, der anders ist, der vermutlich ab jetzt ein Außenseiter sein wird.

Eine skurille Leseerfahrung

In der Folge begleitet man Gregor dann in seinem Erkenntnisprozess, denn die Geschichte wird aus der Perspektive eines personalen Erzählers erzählt. Man folgt also Gregors Gedanken mit einer gewissen Distanz. Nach außen kann Gregor nicht mehr kommunizieren, die Familie hört nur seine „Tierstimme“ bzw. eine stark verzerrte Stimme und auch seine Handlungen können die Eltern und Schwester Grete nicht richtig deuten oder interpretieren, was dazu führt, dass die Kommunikation zwischen Gregor und allen anderen Figuren einfriert.

Gleichzeitig befindet man sich als Leser*in in Gregors Gedanken- und Gefühlswelt, die durch innere Monologe immer wieder konkreten Ausdruck finden. Und dieses Missverhältnis ist spannend, sorgt es doch für ein sehr bedrückendes Gefühl von Unbehagen, da man einerseits selbst (gefühlt) in der Situation ist, andererseits die gleiche Situation aber wie auf einer Meta-Ebene betrachtet. Auch sprachlich wirkt alles sehr sachlich und nüchtern und das erzeugt eine sehr skurrile Leseerfahrung, die eine beträchtliche Wirkung auch im weiteren Verlauf der Erzählung entfaltet.

Gregor Samsa, der rebellische Handlungsreisende?

In Person von Gregor setzt sich der Text mit dessen Rolle als Handlungsreisender auseinander. Gregor leidet über die Maßen an seinem Beruf, er findet ihn anstrengend, es gibt sehr starre und strikte Hierarchien, sogar die Privatsphäre wird vom Beruf berührt, etwa wenn der Prokurist sofort zur Familie nach Hause kommt, als Gregor mal gerade ein paar Stunden fehlt. Auch insgesamt ist seine berufliche Situation mehr als unsicher, ständig droht der Verlust des Jobs, wenn Gregor die Quoten, die von ihm erwartet werden, nicht erfüllen kann.

Somit ist seine Verwandlung für Gregor auch als Akt der Rebellion zu verstehen, der Rebellion gegen eben dieses System, unter dem er so leidet. Für Gregor gibt es offenbar keinen Ausweg aus diesem „Hamsterrad“, was auch an seiner unterwürfigen Grundhaltung liegt. Zudem besteht auf Seite der Familie ein Abhängigkeitsverhältnis, denn Gregor ist derjenige, der die Familie finanziell absichert und daher kann er es sich nicht leisten, seine Anstellung zu verlieren.

So ist das Bild der Verwandlung einerseits natürlich ganz direkt zu verstehen, Gregor ist einfach „eine Kreatur des Chefs, ohne Rückgrat und Verstand“, gleichzeitig kann er nun aber durch die Verwandlung aus diesem Hamsterrad ausbrechen, er wird vom Aktiven zum Passiven und diese Passivität erlaubt es ihm Widerstand zu leisten. Gleichzeitig nimmt Gregor aber so sein eigenes Ende vorweg, denn letztendlich führt diese Revolte zu nichts, Gregor stirbt und die Familie kommt ohne ihn sogar besser zurecht als mit ihm und kann einen Neuanfang wagen. Darin steckt durchaus eine gewissen Kapitalismuskritik, gerade auch wegen des Erzählendes, das aus Sicht von Gregor trüber und hoffnungsloser nicht sein könnte, wenn er vernachlässigt vom „System“ und ausgemergelt in seinem Gefängnis dahinsiecht und schließlich stirbt.

Die Verwandlung der Familie

Auch im System der Familie wird Gregors Sonderrolle durch die Verwandlung noch einmal pointiert. Vor der Verwandlung ist die Familie zwar von ihm abhängig, aber gleichzeitig ist er nicht wirklich ein integraler Teil von ihr, was daran liegt, dass er als Handelsreisender viel unterwegs ist und im Prinzip nur das Geld vorbeibringt. Eine liebevolle oder empathische Beziehung besteht allerdings allenfalls zwischen Gregor und seiner Schwester Grete, die er fördert und die ihm Dankbarkeit entgegenbringt. Sie ist schließlich auch diejenige, die ihn zumindest anfangs pflegt und sich um ihn kümmert, bis auch sie sich von ihm abwendet.

Nach der Verwandlung ist Gregor durch sein Ungezieferdasein isoliert, gleichzeitig emanzipiert sich die Familie schrittweise von dem Abhängigkeitsverhältnis: Der Vater beginnt einer Tätigkeit nachzugehen, die Mutter näht und kümmert sich um den Haushalt, Grete bildet sich weiter und wird Verkäuferin. Erst als diese familiäre Verwandlung abgeschlossen ist, stirbt Gregor, was auf der Bildebene das dysfunktionale Ungleichgewicht in der Familie noch einmal unterstreicht. Denn erst durch Gregors Tod ist ein Neuanfang möglich, erst am Ende der Erzählung geht die symbolische Sonne auf, die Familie macht einen Ausflug in die Natur, entzieht sich damals erstmal der Enge und Begrenztheit der eigenen Wohnung, und Grete, die zuvor noch von Vater und Mutter als nutzlos angesehen wurde, wird gar für eine Hochzeit in Betracht gezogen.

Die Verwandlung als Abwendung vom Menschsein

Gregors Verwandlung ist auch eine Abwendung vom Menschsein als solches, denn zu Beginn sind zwar seine menschlichen Verhaltens- und Denkweisen noch dominant, jedoch verändert sich das schrittweise und Gregor wird immer mehr zum Tier. Das einzig Menschliche, das ihm bleibt, ist seine Reflexions- und Empfindungsfähigkeit, die schließlich auch nötig ist, um diese Geschichte überhaupt aus seiner Sicht erzählen zu können.

Trotzdem muss man Gregors Verwandlung in ein Ungeziefer auf jeden Fall wörtlich nehmen, sie ist kein reines Bild, sie ist nicht ausschließlich eine Metapher. Sie ist auch eine Metapher, aber immerhin ist Gregor im Text das Ungeziefer und das muss man so als gegeben hinnehmen, egal wie irritierend das auch sein mag. Kafka selbst hat es immer abgelehnt, wenn Illustratoren zu seinen Büchern das Ungeziefer zeichnen oder anderweitig künstlerisch darstellen wollte, und daraus lassen sich zwei Dinge ganz deutlich ablesen: Das Ungeziefer ist auf paradox anmutende Weise eine Metapher und zugleich eben keine Metapher ist. Zweitens zeigt es auch, dass Kafka sich dadurch vor eindeutigen Interpretationen schützen wollte, denn eine autorisierte Zeichnung wäre ein Deutungsangebot gewesen, das sofort gierig aufgegriffen und verbreitet worden wäre.

Die Verwandlung als Ausdruck von Kafkas Lebensthemen

In Die Verwandlung finden sich im Grunde alle Themen und Motive, die Kafka-typisch sind, die man gemeinhin als kafkaesk bezeichnet. Angefangen bei einem Individuum, das jeglichen Halt zu verlieren scheint, ein Individuum, das sich seiner eigenen Identität und seines Umfelds nicht sicher zu sein scheint. Dann der unangenehme Schwebezustand zwischen Traum und Realität, dieses ungute Gefühl, das sich einstellt, wenn man Texte von Kafka liest und das direkt damit zu tun hat, dass man den Sinn der dargestellten Situation nicht sofort erfassen kann und gleichzeitig mit vielen sachlichen und nüchternen Fakten zur Situation versorgt wird, die diese völlig natürlich wirken lassen, obwohl sie das offensichtlich nicht ist.

Und doch hinterfragt niemand diese Situation, im Gegenteil, sie wird einfach als gegeben angenommen, was zu einem Eindruck des Unheimlichen führt. Auch der klassische Konflikt zwischen Vater und Sohn findet sich hier wieder und es ist kein großes Wunder, dass Die Verwandlung immer wieder auch in dieser Hinsicht gelesen wurde und wird, denn die Vaterfigur macht ebenso wie alle anderen Figuren eine Verwandlung durch, wird er doch von einem erfolglosen Geschäftsmann, der auf die Unterstützung und Rücksichtnahme seiner Familie angewiesen ist, zu einem starken und optimistischen Patriarchen, dem es gelingt, die Versorgerrolle von seinem Sohn zu übernehmen.

Insgesamt finden sich in der Vaterfigur viele Eigenschaften, die Franz Kafka auch seinem Vater zuschrieb, etwa die autoritäre Grundhaltung, die Aggression, den Hang zu Strenge und Gewalt sowie die fehlende Empathie. Letztlich geht es aber in Kafkas Texten immer eher um Menschen, die an ihrer Welt, der modernen Welt, scheitern und zugrunde gehen. Sie sind geprägt von maximaler Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit und spiegeln so die menschliche Überforderung in einem Maße wieder, das auch heute noch brandaktuell und zugänglich bzw. nachvollziehbar ist.

Shownotes und Links:
Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ beim Suhrkamp Verlag
Autorenseite von Franz Kafka beim Suhrkamp Verlag
Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ beim Projekt Gutenberg
Das Hörbuch zu Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ beim Argon Verlag (YouTube)
Andreas Kilchers (Hrsg.) Sachbuch „Die Zeichnungen“ bei C.H. Beck
Reiner Stachs dreiteilige Kafka-Biografie beim S. Fischer Verlag
Folge 19 zu Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“
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Blog zu „Auf ein Buch!“

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