Folge 46: Sharon Dodua Otoos Roman „Adas Raum“

Sharon Dodua Otoos Roman „Adas Raum“ (erschienen im S. Fischer Verlag)

Die titelgebende Ada aus Shardon Dodua Otoos Debütroman Adas Raum ist nicht eine Frau, sondern gleich vier. Im späten 15. Jahrhundert wird sie Zeugin der Ankunft portugiesischer Kolonialisten, im 19. Jahrhundert legt sie als Ada Lovelace die Grundlagen der modernen Informatik, 1945 wird sie im KZ Mittelbau-Dora zur Prostitution gezwungen und in unserer Gegenwart sucht sie als Schwarze Frau in Berlin verzweifelt eine Wohnung für sich und ihr ungeborenes Baby.

Sharon Dodua Otoo erzählt in ihrem Debütroman von Weiblichkeit, von Fragen der Identität, von Kolonialismus, Rassismus und Unterdrückung. Dazu hebt sie die Zirkularität des Historischen hervor und wagt dabei noch einige spannende erzählerische Experimente, etwa wenn sie aus der Perspektive eines Besens oder eines Reisepasses erzählt oder wenn sie einfach mal Gott höchstpersönlich (mit feinstem Berliner Dialekt) auftreten lässt.

Verbindendes Element zwischen den vier Adas ist ein goldenes Armband, das in allen vier Geschichten bzw. den „Schleifen“, wie sie im Roman heißen, eine Rolle spielt und das sich seinen eigenen Weg durch die Geschichte bahnt. Ausgehend von Ghana landet das Armband schließlich als Ausstellungstück bei einer Kolonialismus-Ausstellung in Berlin, wo sich der Kreis schließt und gleichzeitig aber auch die Geschichte Adas (und des Armbands) vorerst endet.

Warum nicht mal aus der Sicht eines Reisepasses erzählen?

Sharon Dodua Otoos Adas Raum erzählt die Geschichte der vier Adas jedoch nicht nur aus ihrer eigenen Persepktive, sondern bedient sich eines spannenden erzählerischen Tricks, nämlich dass Otoo verschiedene unbelebte Gegenstände als Erzählinstanzen installiert. Der Begriff Erzählinstanz greift jedoch möglicherweise zuweit, handelt es sich doch vielmehr um ein körperloses Wesen, das sich immer wieder in unterschiedlichen Gegenständen manifestiert und letztlich darauf hofft, einmal als Mensch wiedergeboren zu werden. Doch zunächst ist dieses Wesen zum Beispiel ein Besen, ein Türklopfer, ein Zimmer in einem KZ oder ein britischer Reisepass. Diese Erzählinstanzen liefern jeweils einen anderen Blick auf die Schicksale der Adas und geben dem Text dazu eine Art metaphysischen Unter- bzw. Überbau.

Dieser clevere Schachzug erlaubt einen neuen Blickwinkel auf das Erzählte. Zwar ist die Perspektive eines Reisepasses zunächst mal ein externer Blick und steht im Gegensatz zur Ich-Perspektive, jedoch sind die erzählenden Gegenstände gleichzeitig elementare Teile der Handlung, sie interagieren mit der erzählten Welt: Sei es nun der Türklopfer, der bezeugt, wie Ada Lovelace ihre Affäre mit Charles Dickens zu verheimlichen sucht und der sich sogar wünscht, dass er in einer kritischen Situation hätte eingreifen können. Oder die Perspektive vom titelgebenden „Adas Raum“, einem Zimmer im KZ Mittelbau-Dora, in dem Ada immer wieder von verschiedenen Männern vergewaltigt wird.

Trotzdem bleiben die unbelebten Erzählerinnen passiv und machtlos. Auch wenn ihr Wunsch des Einschreitens, des Handelns immer wieder deutlich zum Ausdruck kommt, bleibt er ihnen letztlich verwehrt. Sie können nichts unternehmen, sie können sich nicht bemerkbar machen, allenfalls können sie bezeugen und dokumentieren und in letzter Instanz dann eben erzählen.

„Warum ich 1945 unbedingt ein KZ-Bordellzimmer werden musste, wollte mir zu der Zeit nicht einleuchten. Meine Wände waren so dünn, jeder Schrei, jedes Stöhnen ging durch mich hindurch. Ich war verdammt, alles zu bezeugen, aber nichts verhindern zu können.“

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum

Ein zweites formales Element ist die metaphysische, ja religiöse Komponente dieses Textes. Denn die vier Adas sind keinesfalls unverbunden miteinander, es eint sie natürlich der Name, das ist sehr offensichtlich, und es eint sie ihre Weiblichkeit und es eint sie auch die Tatsache, dass sie trotz der widrigen Umstände, mit denen sie sich konfrontiert sehen, nicht aufgeben. Im Gegenteil, alle vier Adas sind überaus selbstbewusste Figuren, und dennoch scheitern sie alle, was nur bei der vierten Ada im heutigen Berlin nicht ganz eindeutig ist, aber auch hier bleibt die Prognose zumindest ziemlich trist oder allenfalls offen und unsicher. Dennoch scheinen sich alle vier Adas zu entwickeln. Selbstwirksamkeit, Resilienz und Widerstandskraft sind hier die Stichwörter.

„Damals wusste ich, dass die Haut von Ada – anfangs so dünn und zerbrechlich wie die Flamme einer Kerze – durch jede Berührung immer fester wurde. Ich wusste, dass diejenigen, die ihr Gewalt antun wollen, es schwer haben würden, sie zu brechen.“

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum

Entscheidend ist bei allen vier Adas die Zirkularität der Erfahrungen, die sie machen. In allen Epochen, in allen historischen Umständen – so unterschiedlich sie auf den ersten Blick auch wirken mögen – gibt es wiederkehrende Strukturen und vergleichbare Widerstände. Was Adas Raum hervorragend gelingt, ist es, Beziehungen und Querverweise aufzumachen und zu verdeutlichen und das verschafft einen ganz anderen Blick auf das, was man landläufig „historisch“ nennt.

Denn die Schlussfolgerung kann hier nur sein, dass die oft lineare Vorstellung von Geschichte so nicht existiert, sondern dass die Kreisform eigentlich die viel bessere Darstellungsform dafür wäre. Insbesondere ist das zutreffend, wenn man bedenkt, dass vieles sich einfach in anderen Schattierungen zwar, aber doch ziemlich offensichtlich, wiederholt.

„Die Zeit war jedenfalls gekommen, um Ada daran zu erinnern, dass alle Wesen – vergangene, gegenwärtige und zukünftige – in Verbindung miteinander sind, dass wir es immer waren und immer sein werden.“

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum

Im Zusammenhang damit spielen auch Themen wie Geburt und Sterben und Wiedergeboren-Werden immer wieder eine Rolle. Und das nicht nur bei dem bereits erwähnten metaphysischen Wesen, das hofft, irgendwann Mensch werden zu können, sondern auch im Rahmen der Ada-Geschichten. Nicht umsonst beginnt der Roman mit dem Sterben und endet mit einer Geburt. Es schließt sich ein Kreis und ein neuer beginnt. Zirkularität wird so in Adas Raum einerseits zum strukturgebenden Element des Textes, andererseits damit aber auch zum strukturgebenden Element des Menschseins.

Shownotes und Links:
Sharon Dodua Otoos Roman „Adas Raum“ beim S. Fischer Verlag
Autorinnenseite zu Sharon Dodua Otoo beim S. Fischer Verlag
Webseite von Sharon Dodua Otoo
Das Hörbuch zu Sharon Dodua Otoos Roman „Adas Raum“ beim Argon Verlag
Webseite vom Literaturpreis „Das Debüt“
Interview mit Bozena Badura vom Literaturpreis „Das Debüt“ (Spotify-Link)
Webseite von Phoenix e.V.
Folge 39 zu Leila Slimanis Roman „Das Land der Anderen“
Webseite der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland
Sharon Dodua Otoos Lesung beim Bachmann-Preis 2016
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Blog zu „Auf ein Buch!“

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