Folge 37: Louise Erdrichs Roman „Der Nachtwächter“

Louise Erdrichs Roman Der Nachtwächter

North Dakota im Jahr 1953: Im Reservat der Turtle Mountain Band of Chippewa kämpft Thomas Wazhashk, seines Zeichens Nachtwächter in der örtlichen Lagersteinfabrik, nicht nur gegen seine eigene Müdigkeit, sondern auch gegen das geplante Terminationsgesetz der US-Regierung, das seinem Stamm die Lebensgrundlage nehmen und seine Kultur auslöschen würde. Er schreibt Briefe an mögliche Unterstützer, lässt Unterschriften sammeln und organisiert finanzielle und argumentative Grundlagen für eine Anhörung in Washington. Seine Nichte Patrice, die alle nur Pixie nennen, ist derweil auf der Suche nach ihrer Schwester Vera, die in der weißen Großstadt verschwunden ist und nur ihr Baby zurückgelassen hat.

Louise Edrich erzählt in ihrem mit dem Pulitzer Preis 2021 ausgezeichneten Roman Der Nachtwächter nicht nur die Geschichte ihres Großvaters, sondern setzt sich auf eindrückliche Weise mit Fragen der Identität, der Selbstbestimmung sowie der Rolle der Frau in der indigenen Kultur auseinander.

Ein historischer Roman über die Terminationspolitik der US-Regierung

Hintergrund der Geschichte ist eine Resolution des US Kongress aus dem Jahr 1953, die zum Ziel hatte langfristig alle indigenen Nationen aufzulösen und ihnen jegliche staatliche Unterstützung zu versagen, sie somit zu „terminieren“. Daher kommt auch der gängige Begriff der „Terminationspolitik“ bzw. des „Terminationsgesetzes“.

Vordergründiges Ziel dieser Resolution war die „Liberalisierung“, also die Befreiung, der indigenen Bevölkerung. Gemeint war aber letztlich in der konkreten Praxis etwas völlig anderes: Der Euphemismus beschreibt in Wahrheit die Umsiedlung der indigenen Bevölkerung in urbane Gebiete, was natürlich zu einer Auflösung der Stammesstrukturen und damit zu einer faktischen Auslöschen der indigenen Kultur führt. Letztlich basieren diese genau auf diesen Organisationsstrukturen und dem Leben im Einklang mit der Natur.

Dazu hätten die Indigenen von nun an Steuern zahlen müssen, was die meisten aufgrund ihrer prekären ökonomischen Lage schlicht nicht konnten. Auch jegliche sonstige staatliche Unterstützung wäre gestrichen worden, womit die indigene Bevölkerung die Kontrolle über ihre Reservate und ihr Land ganz allgemein hätte abgeben müssen.

Sämtliche vorher geschlossenen Verträge, die der indigenen Bevölkerung auf Dauer einen besonderen Status zuwiesen, wären damit einfach null und nichtig geworden.

Der Nachtwächter kämpft gegen die Termination

Eine Hauptfigur des Romans ist Thomas Wazhashk, der titelgebende Nachwächter. Er arbeitet in einer Fabrik auf dem Gelände des Reservats der Turtle Mountain Band of Chippewa, dem Stamm, zu dem er gehört. Gleichzeitig ist er auch der Vorsitzende des Stammesrats.

Er bekommt wenig Schlaf, denn einerseits arbeitet er in der Nachtschicht für einen Hungerlohn, andererseits ist er darum bemüht, gegen das Terminationsgesetz der amerikanischen Regierung anzukämpfen, indem er vor allem schreibt, wenn er nicht gerade seine Rundgänge in der Fabrik absolvieren muss. Thomas versucht mit Briefen an Unterstützer und Politiker einen Widerstand gegen das Gesetz zu formieren und arbeitet sich dabei immer wieder gefährlich nah an die Grenzen seiner Gesundheit.

Für Thomas beginnt ein Kräfte zehrender Kampf gegen das Gesetz und für den Erhalt seines Stammes. Er sammelt also Unterschriften, versucht Geldmittel aufzutreiben und sucht auch wissenschaftliche Unterstützung, um für sich und seinen Stamm eine angemessene Argumentationsgrundlage gegen den scheinbar übermächtigen Staatsapparat mit all seinen Ressourcen und vor allem auch gegen den Wortführer, den Senator Arthur V. Watkins zu schaffen.

Das ist es dann also, dachte Thomas, als er die nüchternen Satzgirlanden der Gesetzesvorlage vor sich sah. Wir haben die Pocken überlebt, die Winchester-Repetierbüchse, die Hotchkiss-Kanone, die Tuberkulose. Wir haben die Grippeepidemie von 1918 überlebt und in vier oder fünf Kriegen für die USA gekämpft. Und jetzt vernichtet uns diese Ansammlung knochentrockener Wörter.

Zitat aus Louise Erdrichs „Der Nachtwächter“

Patrice: Eine indigene Frau zwischen Tradition und weißer Mehrheitsgesellschaft

Dazu gibt es noch eine zweite Hauptfigur in Der Nachtwächter und das ist die 19-jährige Pixie, die eigentlich Patrice heißt, aber von allen eben nur Pixie genannt wird. Sie arbeitet ebenfalls – wie ihr Onkel Thomas – in der Lagersteinfabrik, die sich im Reservat angesiedelt hat.

Sie wird im Laufe des Romans zu einer Unterstützerin und sie begleitet ihren Onkel auch nach Washington zum finalen Showdown. Zuvor begibt sie sich jedoch im ersten Teil des Romans auf die Suche nach ihrer Schwester Vera, die in Minneapolis lebt, dort ein Kind hat und nun verschwunden ist. Im Zuge dieser Suche taucht Patrice tief in die Abgründe des weißen Großstadt-Molochs ab und begibt sich unwissend in Gefahr.

Patrice als Vertreterin einer neuen Generation

Patrice steht für die neue Generation: Sie ist erst 19 Jahre alt und befindet sich noch auf der Suche. Sie ist dabei, ihren Platz im Leben zu finden und sie tut sich damit schwer, denn für sie ist keineswegs klar, wie ihre Zukunft aussehen wird. Sie steht zwischen der indigenen Tradition und der Welt der Weißen, von der sie im Verlauf des Romans mehr und mehr ein Teil wird.

So interessieren sich etwa zwei Männer für sie, einmal der Boxer White Mountain und sein weißer Trainer Barnes. Gerade bei Barnes stößt Patrice auf eine unreflektierte Romantisierung idigener Lebensweisen. Diese Klischees und Rollenstereotype, die er offenbar sein ganzes Leben vor sich hergetragen hat, haben sein Bild von indigener Weiblichkeit geprägt. Bei White Mountain ist es andersherum, denn er sieht die moderne Seite von Patrice nur bedingt oder ist davon irritiert

Für beide Figuren geht am Ende natürlich darum, wie bzw. ob sie ihre Konflikte lösen. Bei Thomas stellt sich die Frage, ob er den Stamm der Chippewa vor der Termination bewahren kann und für Patrice geht es darum, ob sie eine Balance, einen Ausgleich für sich finden kann und ob sie dabei auch die Fallstricke umgehen kann, die sich ihr in den Weg stellen. Da geht es dann vor allem um Themen wie häusliche Gewalt (Patrices Vater ist ein Alkoholiker, bei dem man nie sicher sein kann, in welchem Zustand bzw. ob überhaupt er nach Hause kommt), die Vermeidung einer ungewollten Schwangerschaft, die Entdeckung der eigenen Sexualität und das Erwachsenwerden allgemein.

Louise Erdrichs Der Nachtwächter: Ein wichtiger Roman

Insgesamt ist dieser Roman von Louise Erdrich ein wichtiger Roman. Schwächen gibt es kaum, allenfalls ein paar Längen und Erzählstränge, die zumindest für mich wenig bis keinen Mehrwert bieten. Dafür wird man entschädigt durch die hochspannenden Geschichten von Thomas und Pixie und alles in allem gibt einem der Roman einen guten Einblick in die Situation der indigenen Bevölkerung in den USA. Trotz dieses historischen Settings ist der Text nach wie vor brandaktuell. Auf den stolzen 488 Seiten erschafft Erdrich in Der Nachtwächter einen beeindruckenden Kosmos aus Figuren und sie verflechtet diese Figuren zu einem komplexen Gefüge, das ihr kaum einmal außer Kontrolle gerät.

Zu guter Letzt dies: Für jeden, der Zweifel hegt, dass knochentrockene Worte in offiziellen Dokumenten den Lebenswillen brechen und Existenzen vernichten können, möge dieses Buch jeden Zweifel beenden. Denen aber, die glauben, sie seien machtlos, soll es Mut machen, diese Worte zu ändern.

Zitat aus Louise Erdrichs „Der Nachtwächter“

Shownotes und Links
Louise Erdrichs Roman „Der Nachtwächter“ beim Aufbau Verlag
Autorinnenseite zu Louise Erdrichs Roman „Der Nachtwächter“
Sebastian Moll: „Femizide: Indigene Frauen sind in den USA und Kanada besonders gefährdet“ (Frankfurter Runschau, 25. November 2019)
Folge 29 zu Jhumpa Lahiris Kurzgeschichtensammlung „Melancholie der Ankunft“

„Auf ein Buch!“ bei Spotify
„Auf ein Buch!“ bei Instagram
Blog zu „Auf ein Buch!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.