Folge 38: Douglas Stuarts Roman „Shuggie Bain“

Douglas Stuarts Roman „Shuggie Bain“ (in der Übersetzung von Sophie Zeitz erschienen bei Hanser Berlin)

Glasgow in den 1980er Jahren: Der einstige Wirtschaftsstandort leidet unter den Reformbemühungen der Thatcher-Regierung und leidet an Arbeitslosigkeit, Armut und moralischem Verfall. Der sechsjährige Shuggie lebt mit seinen beiden Geschwistern, seinem Macho-Vater „Big Shug“ und der alkoholkranken Mutter Agnes auf engstem Raum. Als erst der Vater, später dann auch die Geschwister die Familie verlassen, wird Shuggie der letzte Anker für seine Mutter. Aufopferungsvoll und mit unbändigem Optimismus kämpft er für sie einen bereits verlorenen Kampf. Dabei ringt er um seine eigene Identität und sieht sich als feinfühliger und empathischer Junge einer toxisch-männlichen Umwelt gegenüber. Stuart erzählt in seinem Romandebüt Shuggie Bain in opulenter Sprache eine triste und abgründige Geschichte, die einen in die dunklen Tiefen des Mensch-Seins hinabzieht.

Der Roman beginnt mit einer Art Exposition, die zunächst die Lebenssituation seiner Figuren vorstellt: Die Protestantin Agnes McGowan heiratet nach einer für sie eher langweiligen ersten Ehe, aus der zwei Kinder, Catherine und Leek hervorgegangen sind, den Katholiken Shug Bain, einen Taxifahrer und Vollzeit-Macho. Gemeinsam haben sie noch ein Kind und zwar den titelgebenden Shuggie, gemeinsam leben sie fortan bei Agnes Eltern auf engstem Raum.

Tristesse, Hoffnungslosigkeit und toxische Maskulinität

Shug glänzt vor allem durch Abwesenheit, hat – soviel wird angedeutet – mehrere Geliebte, überredet Agnes jedoch dennoch endlich auszuziehen und organisiert eine neue Bleibe für die Familie in einer alten Arbeitersiedlung am Rande der Stadt. Dort zieht er letztendlich aber nicht mit ihn, sondern lädt die Familie lediglich dort ab. Kurz darauf ist er verschwunden.

An dieser Stelle, man ist so etwa im zweiten Drittel des Romans angekommen, wechselt Stuart vor allem in die personale Perspektive Shuggies – wobei er das auch nicht konstant durchhält, sondern die Perspektiven immer mal wieder variieren – und erzählt den fortschreitenden Verfall seiner Mutter Agnes, die zwar nach außen den Schein wahren will, innerlich jedoch verzweifelt und stark alkoholabhgängig ist. Shuggie versucht Verantwortung zu übernehmen und kümmert sich aufopferungsvoll um seine Mutter, auch wenn er zu Beginn der Erzählung gerade sechs Jahre alt ist, muss er viel schneller erwachsen werden als ihm lieb ist.

Douglas Stewart im Interview zu seinem Roman „Shuggie Bain“

Parallel dazu ist Shuggie ein Junge, der nicht in seine Zeit und nicht an diesen Ort passt, der von einer Konzeption von Männlichkeit geprägt ist, von der sich Shuggie stark abhebt. Für seinen Vater Shug muss ein Mann vor allem hart, und potent sein, Gefühle zu zeigen kommt in diesem Männlichkeitsideal nicht vor. Shuggie jedoch ist sensibel, feinfühlig und feminin: Lieber spielt er mit Puppen als mit den anderen Jungen Fußball zu spielen, er tanzt gerne und versucht sich sprachlich von anderen abzuheben. Seine Empathie und sein Optimismus sind scheinbar grenzenlos in einer Welt, die genau davon eigentlich nichts hat. Und so ist klar, dass Shuggie aneckt und konsequent zum Außenseiter wird. Der Roman verhandelt neben der Geschichte von Agnes auch die Frage, ob dieser Shuggie an diesen desaströsen Rahmenbedingungen zerbrechen wird.

Shuggie Bain: Ein Roman mit Sogwirkung

Die Atmosphäre in Douglas Stuarts Glasgow ist eindrücklich und deprimierend zugleich. Ein wenig erinnert sie an Charles Dickens und seine Darstellung des viktorianischen Londons, gespickt mit viel Gesellschaftskritik und auswegloser Tristesse, von der aber dennoch eine große Faszination ausgeht und die sich als Szenerie für die Geschichten – sowohl bei Dickens als auch hier bei Stuart – hervorragend eignet. Denn dieses Leben in der Arbeiterklasse in Glasgow, in Arbeitslosigkeit, in Armut, auf engstem Lebensraum ist eben genau so: trist, frustrierend, einfach traurig und teilweise schwer auszuhalten. Dazu kommen Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten, Alkoholismus ist an der Tagesordnung, alles ist eng und starr und es entwickelt sich nichts. In Shuggie Bain leben oder vegetieren die Figuren vor sich hin in dieser abgeschlossenen  kleinen eigene Welt, aus der es keinerlei Auswege oder Ausbruchmöglichkeiten gibt.

Agnes als heimliche Hauptfigur in Shuggie Bain

Die eigentliche Hautpfigur in dieser Welt ist Agnes, auch wenn der Titel des Romans etwas anderes vermuten lässt, ist Agnes der Fokuspunkt dieser Erzählung. Shuggie erzählt ihre Geschichte, ihren Verfall, ihren Absturz und dabei ist von Anfang an ganz klar, dass es hier keine Aussicht auf ein Happy End geben kann. Als Leser*in weiß man sofort, wohin die Geschichte führen wird, die Katastrophe im aristotelischen Sinne ist unvermeidbar.

Agnes ist eine etile Frau, aber sie ist stolz, sie hat gewisse Ambitionen, wobei diese nie abgehoben oder unrealistisch sein, im Gegenteil, trotz ihrer Armut und der starren sozialen Hierarchien träumt sie vor allem von einem eigenen Zuhause für sich und ihre Familie. Sie wünscht sich ein Mindestmaß an Komfort, Wärme, Treue, und familiären Zusammenhalt.

Jedoch sind es letztlich die Umstände und vor allem auch die männlichen Figuren, die ihre Wünsche und Ziele unerfüllbar machen und die sie weiter und weiter in den Abgrund treiben. Ihr erster Ehemann trug sie auf Händen, aber er war ihr letztendlich zu langweilig und sie suchte das Abenteuer und genau das findet sie in diesem Shug mit seiner dominant-toxischen Männlichkeit, unter dem sie leidet, der sie offen demütigt, indem er diverse außereheliche Beziehungen unterhält und sich vor allem herumtreibt und nur zwischendurch nach Hause kommt. Schließlich lässt er sie auch fallen, besorgt eine neue Bleibe, die Familie zieht, aber Shug verschwindet.

Agnes packte ihn am Pulloverkragen. Shug griff nach seinem Geldgürtel und küsste sie energisch mit der Zunge. Er musste die kleinen Knochen ihrer Hand zerquetschen, damit sie losließ. Sie hatte ihn geliebt, und er hatte sie vollkommen brechen müssen, bevor er sie endgültig verließ. Agnes Bain war ein zu kostbares Exemplar, um sie der Liebe eines anderen zu überlassen. Er durfte nicht mal Scherben übrig lassen, die ein anderer später einsammeln und kleben könnte.

Douglas Stuart: Shuggie Bain

So werden Anges‘ Ziele und Hoffnungen stark limitiert. Sie versucht nach außen Kontrolle wahren und Stärke zu zeigen, sie überspielt ihre Sucht, schminkt sich, putzt sich heraus für die Welt, später pflanzt sie Blumen, um den Schein zu wahren, wenngleich sie innerlich mehr und mehr zerbricht. Zudem versucht sie immer wieder, sich neu zu erfinden, dem Teufelskreis zu entkommen, sie versucht sich zu verändern, aber am Ende muss sie scheitern. Perfide daran ist, dass man als Leser – genau wie Shuggie – immer wieder an sie glaubt, denn zwischendurch gibt es Hoffnung für sie: So lernt sie etwa einen neuen Mann namens Eugene kennen und es gelingt ihr, mehr als ein Jahr lang trocken zu bleiben. Letztlich ist aber auch dieses Aufkeimen von Hoffnung nur eine begrenzte Phase, die mal mehr, mal weniger schnell enden muss.

Shuggie: feinfühling, feminin und voller Optimismus

Ihr Sohn Shuggie erzählt diese Geschichte der Mutter. Er ist feminin und feinfühlig in einer toxisch maskulinen Welt und kann nur versuchen zu überleben, an der äußeren Situation kann er nichts ändern. Shuggie interessiert sich nicht für historische Fußballergebnisse, ist in körperlichen Auseinandersetzungen stets unterlegen, stattdessen tanzt er gerne, spielt mit Puppen, und wird so immer wieder auch Opfer von Mobbing, von sexueller Gewalt, von Homophobie. Orientierung hat er nicht und versucht sich immer wieder den Mehrheitserwartungen anzupassen. Diese Anpassungsversuche sind natürlich ebenso zum Scheitern verurteilt wie die von Agnes.

Shuggies Sexualität spielt im Roman allerdings nicht eine unbedingt vordergründige Rolle, aber seine Identität insgesamt steht in ständigem Konflikt mit der Konformität und Normativität des Bildes von Männlichkeit, das überall um ihn herum repräsentiert wird. Egal ob in der Schule, Zuhause oder im Umgang mit Gleichaltrigen, an kaum einer Stelle trifft er auf Verständnis oder gar Liebe, all das bleibt ihm verwehrt. So muss Shuggie zwangsläufig überfordert sein. Er ist ein Junge und muss sich früh verhalten wie ein Erwachsener und das ist auch das, was immer wieder von außen an ihn herangetragen wird. Es wird zu seiner Lebensaufgabe, Agnes aufzufangen, sie zu schützen und zu umsorgen, was an sich schon eine viel zu große Forderung für ein so junges Leben ist.

Shuggie Bain: Ein Roman voller Hoffnung und Liebe

Und trotz dieser ganzen Trostlosigkeit und Traurigkeit ist „Shuggie Bain“ ein Roman voller Liebe und auch voller Hoffnung. Shuggie glaubt an Besserung, an die Heilung seiner Mutter Agnes, er liebt sie bedingungslos, schaut auch zu ihr auf und bewundert sie. Er gibt sie nicht auf und bis zum Ende lässt er nicht locker und das ist herzzerreißend zu lesen, denn das Ergebnis ist bereits vorherbestimmt. Du immer neue Höhen und vor allem Tiefen begleiten wir Shuggie und Agnes. Immer wieder keimt ein wenig Hoffnung auf, dann folgt aber immer bittere Enttäuschung und neue Tiefpunkte.

Trotz all dem geht man am Ende gestärkt aus der Lektüre heraus. Shuggie Bain ist ein Roman, der einen aufbaut, indem es einen in die tiefsten Abgründe des Mensch-Seins hinabzieht. Das muss man aushalten können, denn darin ist so viel Härte und Traurigkeit, dass es für drei Romane reichen würde, aber eben auch sehr viel Liebe und die Hoffnung einer neuen Generation, die nicht kleinzukriegen ist und optimitisch in eine Zukunft blickt.

Und dieses Gefühl, das sich nach dem Lesen einstellt, liegt vor allem auch an der sprachlichen Umsetzung dieser erschütternden Geschichte: Während sich andere Romane mit vergleichbarer Thematik oft sprachlich der Tristesse anpassen und weitgehend auch sprachlich Opulenz verzichten, tut Douglas Stuart in Shuggie Bain genau das Gegenteil. Eine der herausragenden Stärken dieses Romans ist seine Visualität, die detaillierten, künstlerischen bzw. kunstvollen Beschreibungen der Figuren und der Schauplätze sind grandios und bleiben nachhaltig im Kopf. Shuggie Bain läuft wie ein Film ab, Stuart hat einen einzigartigen Stil, eine immersive Art der Darstellung, die einen in ihren Bann ziehn und nicht wieder loslässt.

Zuletzt ist Shuggie Bain keine rein Glasgower Erzählung, nicht mal eine rein schottische Erzählung. Statt dessen erzählt dieser Roman eine universelle Geschichte, die genau so überall sonst stattfinden könnte und die sich allgemeingültig auf andere Orte und andere Zeiten übertragen lässt.

Shownotes und Links:
Douglas Stuarts Roman „Shuggie Bain“ bei Hanser Berlin
Autorenseite von Douglas Stuart bei Hanser Berlin
Matthew Schneier: „Shuggie Bain Makes it Out“ (Vulture, 10. November 2020)
„Douglas Stuart: The Making of ‚Shuggie Bain'“ (edBookFest, YouTube)
Folge 20 zu Judith Zanders Roman „Johnny Ohneland“
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Blog zu „Auf ein Buch!“

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