Folge 36: Stefan Hornbachs Roman „Den Hund überleben“

Stefan Hornbachs Roman „Den Hund überleben“

Sebastian ist 24 und steht mitten im Leben. Doch eines Tages bekommt er die erschütternde Diagnose: Krebs. Für Sebastian beginnt eine langwierige Odyssee in Richtung Heilung. Er zieht wieder bei seinen Eltern ein, knüpft an die Freundschaft mit seiner Jugendfreundin Jasna an, die ihn mit viel Spiritualität und der Hilfe eines Schamanen heilen will, und verliebt sich schließlich noch zu diesem überaus unpassenden Zeitpunkt. Stefan Hornbach erzählt in seinem Debütroman Den Hund überleben vom Erwachsenwerden in der Krise, von Familie und von Freundschaft.

Den Hund überleben oder gegen den Krebs kämpfen?

Solange sich so viel militärische Übertreibung an die Beschreibung und Behandlung von Krebs heftet, ist sie eine besonders ungeeignete Metapher für die Friedliebenden.

Susan Sontag: „Krankheit als Metapher“ (1977)

Gleich zu Beginn gibt Stefan Hornbach durch das dem Roman vorangestellte Zitat von Susan Sontag vor, was man von seinem Roman erwarten kann, nämlich keinesfalls die Darstellung eines aufopferungsvollen Kampfes gegen Krebs, sondern vielmehr das Gegenteil. Das mag widersprüchlich klingen und es könnte sich durchaus die Befürchtung einstellen, dass ein locker-leichter Umgang mit dem Thema unpassend wäre oder dass es sogar so wirken könnte, als wollte der Roman Krebs-Erkrankungen verharmlosen, aber dem ist keinesfalls so.

Denn was Stefan Hornbachs Den Hund überleben sehr eindringlich zeigt, ist, dass Krankheiten Menschen unerwartet treffen, dass sie sie aus ihrem gewohnten Leben reißen, und dass es dann nicht darum geht zu kämpfen, sondern vielmehr der Heilung eine Chance zu geben. Das ist ein Verständnis von Kranksein, das an mehreren Stellen im Roman aufgegriffen wird und sich durch diesen wie ein roter Faden zieht.

Für mich war beim Schreiben wichtig, dass ich Sebastian nicht auf seine Krankheit reduziere. Er ist ja noch so viel mehr als ein Krebspatient, die Tumoren nehmen schon genug Raum ein. Er ist noch immer auch Sohn und Freund und vieles mehr und kann sich eben auch zu einem so ungünstigen Zeitpunkt verlieben.

Stefan Hornbach

Der Wert von Familie und Freundschaft

Der Roman beginnt mit dem erschütternden Kontrast zwischen dem hedonistischen Leben Sebastians vor der Erkrankung und dem Einschnitt durch die Diagnose. Zunächst ist Sebastian eine weitgehend sorglose Figur, er genießt sein Leben in vollen Zügen, er lebt sich aus, verwirklicht seine Bedürfnisse und ist einfach völlig unbeschwert, denn schließlich ist er ja jung und er hat sein ganzes Leben noch vor sich.

Nach der Diagnose wird Sebastian in seiner Freiheit und seiner Selbstbestimmung stark eingeschränkt und genau mit diesem zentralen Unterschied spielt der Roman in der ersten Hälfte und das zeigt sehr nachdrücklich, wie radikal sich ein Leben durch solch eine Diagnose verändern kann. Für seine persönliche Entwicklung ist das ein radikaler Rückschritt vom Leben als eigenständiger Student hin zum Leben als Patient.

Hornbach zeigt in der Folge dann, was letztlich wichtig ist im Leben und was einem Menschen helfen kann, an einer Krisensituation zu wachsen. Und da behandelt bzw. benennt dieser Roman drei Aspekte, nämlich Freundschaft, Familie und Erwachsenwerden. Für Sebastian ist diese schwere Zeit eine Phase, ein Prozess, den er überstehen muss, aber bei dem es durchaus die Möglichkeit gibt, dass er daraus gestärkt hervorgehen kann. Und dabei stehen ihm eben seine Familie und seine Freunde zur Seite.

Konfliktfreies Heilen und ein bisschen Klischee

Manchmal erscheint die Art der Darstellung etwas zu glattgebügelt: Echte Konflikte scheint es da nicht zu geben, alle Figuren sind für Sebastian da und unterstützen ihn nach Kräften. Worauf nicht eingegangen wird, ist, wie schwer diese Zeit vielleicht auch für alle anderen Beteiligten sein muss. Dennoch wird es in Den Hund überleben niemals kitschig oder rührselig und das weiß zu gefallen.

Dennoch bleiben die meisten anderen Figuren weitgehend ohne Konturen, im Fall von Jasna erscheinen sie fast klischeehaft. Wenn sie Sebastian von der besonderen Kraft der Spiritualität zu überzeugen versucht, wird das doch allzu sehr ausgeschlachtet. Das ist aber zu verschmerzen, denn man wird mit einer wirklich differenzierten und nahbaren Hauptfigur entschädigt.

Eine stimmige Coming-of-Age-Geschichte, an der man wachsen kann

Das Ende des Romans ist offen gestaltet, was durchaus stimmig ist, weil eine allzu klare Einordnung in krank bzw. geheilt auch zu einfach gewesen wäre. Ein Happy End hätte hier sowieso nicht gepasst. Ein Fazit à la „Prima, der Krebs ist geheilt, das Leben geht ganz normal weiter“ hätte diese Coming-of-Age Geschichte konterkariert. Dazu wäre die Entwicklung, die Hornbachs Hauptfigur durchmacht, im Prinzip ad absurdum geführt.

Sicher ist es für viele nicht leicht (mich eingeschlossen), sich im Rahmen eines Roman mit Themen wie Krankheit und Tod zu beschäftigen und vielleicht schrecken diese sogar eher ab. Hornbach macht es einem als Leser*in aber einfach, sich damit auseinanderzusetzen, sich daran abzuarbeiten und das kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen. Ich bin überzeugt, dass man selbst auch als Leser*in an diesem Text wachsen kann und ein größeres Kompliment gibt es vermutlich für einen Roman gar nicht.

Shownotes und Links:
Stefan Hornbachs Roman „Den Hund überleben“ beim Hanser Verlag
Autorenseite von Stefan Hornbach beim Hanser Verlag
Jens Fischer: „Darf man Humor auf Tumor reimen? Die Verzweiflung eines Krebspatienten“ (TAZ, 2016)
Interview mit Stefan Hornbach im Podcast „Hart aber Fail“ (November 2020)
„Auf ein Buch!“ bei Spotify
„Auf ein Buch!“ bei Instagram
Blog zu „Auf ein Buch!“
Folge 20 zu Judith Zanders Roman „Johnny Ohneland“

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