Folge 33: Judith Hermanns Roman „Daheim“

Judith Hermanns Roman „Daheim“

Eine namenlose Ich-Erzählerin zieht nach der Scheidung von ihrem Mann Otis in ein kleines Dorf an der Küste. Dort trifft sie auf allerlei skurille Figuren, schließt Freundschaft und lernt einen neuen Mann kennen. Wird sie bleiben oder wird sie gehen und weiterziehen? Motivisch und symbolisch aufgeladen erzählt Judith Hermann in ihrem aktuellen Roman „Daheim“ von der Kraft eines Neuanfangs, vom Erinnern, vom Vergessen, vom Reiz der Gegenwart und des Augenblicks.

Die Protagonistin in „Daheim“ ist eine namenlose Ich-Erzählerin. Sie ist Ende 40 und hat sich gerade von ihrem Mann scheiden lassen. Ihre gemeinsame Tochter ist erwachsen, tingelt um die Welt und schickt zwischendurch Koordinaten von ihrem aktuellen Standort. Die Erzählerin entschließt sich, in ein kleines Dorf an der Küste zu ziehen.

Daheim: Ein Roman über Kreuzungen und Scheidewege

Judith Hermanns aktueller Roman Daheim beginnt allerdings an einer ganz anderen Stelle. Er erzählt zunächst wie in einer kleinen Kurzgeschichte eine Erinnerung der Erzählerin. Sie denkt zurück an die Zeit, als sie in jüngeren Jahren in einer Zigarettenfabrik arbeitete. Eines Tages lernt sie einen Zauberer kennen, der sie gerne für seinen „Zersägte-Jungfrau“-Trick engagieren möchte. Die Erzählerin entschließt sich, zu diesem Zauberer nach Hause zu gehen, damit er den Trick mit ihr üben kann. Die Frau des Zauberers ist auch da und die beiden bieten ihr an, mit ihnen auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten, dass nach Singapur fahren soll. Die Erzählerin erbittet sich Bedenkzeit, lehnt aber schließlich ab.

Genau wie damals steht sie auch jetzt wieder an einerm Scheideweg in ihrem Leben, an dem sich entscheidet, wie es für sie weitergeht. Ein Abschnitt ist zu Ende und ein neuer beginnt und das ist auch eines der zentralen Themen dieses Romans.

Skurilles Figurenkabinett

Die Ich-Erzählerin lernt in ihrem Versuch einer neuen Heimat zunächst einige sehr skurrile Figuren kennen, darunter zum Beispiel ihre Nachbarin Mimi, eine Künstlerin, mit der sie sich anfreundet. Ebenfalls in dem Dorf lebt Sascha, der Bruder der Erzählerin, in dessen Kneipe sie als Aushilfe anfängt und der eine Beziehung mit der 40 Jahre jüngeren Nike hat, die einen großen Teil ihrer Jugend eingesperrt in einer Kiste verbrachte und die mit ihrem unberechenbaren Verhalten Sascha in den Wahnsinn treibt.

Über Mimi lernt die Erzählerin dann noch den Bauern Arild kennen, der Mimis Bruder ist, und mit dem sie eine Beziehung beginnt. Er hilft ihr dabei, in ihrem Haus einen Mader, der sich dort eingenistet hat, in eine Falle zu locken. Währenddessen ist sie aber auch noch mit ihrem Ex-Mann Otis in engem freundschaftlichem Kontakt. Dieser bleibt jedoch geheimisvoll: Man erfährt, dass er eine zwanghafte Sammelwut hat, Erinnerungen stapeln sich in seinem „Archiv“.

Daheim: Ein rätselhafter, ein entschleunigter Roman

Daheim ist durch und durch ein rätselhafter Roman. Die Handlung ist überschaubar, aber darum geht es auch nicht. Es geht nicht um Bewegung, es geht um Stillstand, es geht um die Reflexion, um die Betrachtung des Augenblicks, um die Chancen, die darin liegen. Dieser Roman ist entschleunigt, das Erzähltempo ist langsam, meditativ und sehr ruhig.

Man begegnet als Leser*in einer Frau, die an einem Scheideweg, an einer Kreuzung in ihrem Leben angekommen ist, die für sich herausfinden muss, wo sie an diesem Punkt in ihrem Leben hingehört. Sie macht einen radikalen Schnitt und zieht in dieses Dorf, wo sie eigentlich niemanden kennt, außer ihren Bruder. Dieser neue Ort ist für sie zunächst kein Zuhause, keine Heimat im klassischen Sinne, sondern eine Möglichkeit, eine Gelegenheit, ein Neuanfang.

Am Anfang scheint es so, als würde der Ort ihr sogar feindlich begegnen: Durch ihr Haus pfeift der Wind, er öffnet die Türen und die Ich-Erzählerin erscheint einsam und isoliert. Ein vom Romantitel suggeriertes Gefühl von antiquierter Heimeligkeit, von Gemütlichkeit, von utopischem Zuhause-Gefühl stellt sich nicht ein. Und doch entwickelt sich etwas für die Erzählerin, sie knüpft neue Bande, lebt sich ein. Die zentrale Frage ist, ob diese Station eine dauerhafte sein wird oder doch nur eine Zwischenlösung.

Leben ist: Gegenwart und diffuse Erinnerungen

Es ist alles ein bisschen so wie in Sommerhaus, später, denn für die Erzählerin – ähnlich wie in Judith Hermanns großartigem Debüt von 1998, gibt es nur die Gegenwart, das unmittelbare Jetzt, keine Vergangenheit, keine Zukunft, allenfalls eine sehr unklare und verschwommene Zukunft. Genau diese Gegenwärtigkeit des Romans ist besonders (und war es auch schon in Sommerhaus, später).

Erinnerungen sind auch hier ein zentrales Motiv. Wie immer ist auch dieser Text von Hermann symbolisch aufgeladen, voller Metaphern und Bilder, die sich leitmotivisch durch den Text ziehen. So ist es auch mit den Erinnerungen, also dem, was man von der Vergangenheit zu wissen glaubt. Entscheidend ist hier das „glauben“, denn Erinnerungen können uns durchaus mal einen Streich spielen. Da gibt es möglicherweise widerstreitende Fassungen einer Erinnerung, Unsicherheiten, bei denen man nicht genau weiß, was davon nun Realität und was die Fiktion des eigenen Kopfes, des eigenen Verstandes ist.

Eng damit verbunden ist der Topos des Vergessens. Die Erzählerin formuliert immer wieder, dass sie Einzelheiten ihres Lebens vergessen hat, im Gegensatz zu ihrem Ex-Mann Otis, der eine Art Archiv angelegt hat. Er sammelt alles, auch Erinnerungen und vermeintlich Vergessenes und er kann sich auch genau an erinnern und kann so der Erzählerin auf die Sprünge helfen. Dabei ist natürlich nie ganz klar, inwiefern diese Deutungshoheit gerechtfertigt ist. Hier spiegelt sich die Unzuverlässigkeit des Lebens, der ständige Wechsel von Phasen, von Neubeginnen, von Dingen und Menschen, die man hinter sich lässt, die man vergisst, an die man sich nur noch schemenhaft erinnert. Und das ist einerseits ein zutiefst trauriger Gedanke, andererseits aber auch ein tröstlicher.

In Judith Hermanns Daheim entsteht so ein diffuses Gefühl, ein Gefühl von Traum und Wachsein, eine schlafwandlerische Atmosphäre. Manchmal hat man fast das Gefühl, alles was sich in diesem Roman abspielt, ist unwirklich, und dann wieder ist es sehr real und greifbar.

Das Leben eingepackt in Kisten

Und dieser Taumel, der sich Leben nennt, wird in Hermanns Roman in Kisten verpackt, ganz wörtlich und als Metapher. Da stehen Kisten herum, werden Sachen in Kisten gefangen, wieder freigelassen, Kisten geöffnet und geschlossen, Menschen werden in Kisten gesperrt, Dinge werden in Kisten gesperrt und hervorgeholt, wenn man sie braucht oder sie werden plötzlich wiedergefunden. Genauso sind auch die Räume symbolhaft aufgeladen in Daheim, viele Räume sind karg und spärlich eingerichtet oder sie sind vollgestopft mit Gegenständen und Erinnerungen wie im Fall von Otis.

Diese Bildebene hat einen Aussagewert, ganz sicher. Oder auch nicht. Möglicherweise repräsentieren diese Elemente, sowohl die Kisten als auch die Möbel, Facetten des Lebens und stehen bildhaft für die jeweilige Situation der Figuren zu denen sie gehören. Man hat und ab an das Gefühl, als käme man der Rätselhaftigkeit auf die Spur. Und dann wieder nicht. Vieles bleibt verschlossen und unklar, als Interpret ist man bei Hermann-Texten manchmal einfach aufgeschmissen und allein gelassen, weil man nicht hinter den tieferen Sinn kommt, sofern es ihn denn gibt.

Judith Hermann hat keinen Schlüsselroman geschrieben, kein Sachbuch, über das man mit ihr diskutieren könnte. In Wahrheit ergibt es journalistisch keinen Sinn, sie zu treffen, jedenfalls nicht, wenn man glaubt, danach das Buch besser zu verstehen. Sie weiß es doch auch nicht! Sie sagt, es gehe ihr nie um Rätsel, die man interpretieren könne. Es gehe in ihrer Literatur immer nur darum, Fragen zu stellen.

Adam Soboczynski über Judith Hermann in der ZEIT

Reduzierte, glasklare Sprache und ein Lesebefehl

Die Sprache dieses Romans ist – ganz Hermann-typisch – großartig. Für Hermann-Neuleser*innen ist sie sicher gewöhnungsbedürftig. Hermann schreibt reduziert, parataktisch, in kurzen Hauptsätzen, die teilweise inhaltlich mal unverbunden, mal mit Kontext aneinandergereiht werden. Stellenweise arbeitet sie stark assoziativ, es gibt gedankliche Sprünge, aber der Lesefluss wird dadurch an keiner Stelle behindert, im Gegenteil. Diese glasklare und überaus präzise Sprache ist sehr angenehm, auch wenn sie einem vielleicht zunächst unvertraut erscheint. Zudem steckt hinter dieser Sprache ein überaus komplexes Geflecht aus Motiven, Symbolen und Metaphern und das eröffnet dann noch eine zweite Textebene, die man für das Verständnis heranziehen kann, aber nicht muss.

Ich selbst war anfangs ein bisschen skeptisch, ob mich diese Geschichte packen könnte, da sie von meiner eigenen Lebenswirklichkeit doch sehr weit entfernt ist. Aber gerade das macht den Reiz aus und Judith Hermann schafft es, eine starke Sogwirkung zu entfalten, man möchte erfahren, wie es mit dieser Erzählerin weitergeht, wie sich diese persönliche Geschichte der Neuorientierung einer Frau in der Lebensmitte weitergeht. Von mir gibt es eine ganz klare Leseempfehlung, nein, ich möchte fast sagen Leseaufforderung oder noch besser: Lesebefehl! Für mich war das hier das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe.

Hinweis: Für die Erstellung dieses Blog-Beitrags wurde mir ein Rezensionsexemplar vom S. Fischer Verlag zur Verfügung gestellt.

Shownotes und Links:
Judith Hermanns Roman „Daheim“ beim S. Fischer Verlag
Autorinnenseite von Judith Hermann beim S. Fischer Verlag
Judith Hermanns Kurzgeschichtenband „Sommerhaus, später“ beim S. Fischer Verlag
Adam Soboczynski: „‚Daheim‘: Frau sucht Bauer“ (ZEIT-Rezension)
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