Folge 25: Christian Krachts Roman „Faserland“

Christian Krachts Roman „Faserland“

In seinem 1995 erschienenen Debütroman Faserland schickt Christian Kracht seinen namenlosen Ich-Erzähler auf einen wilden Trip durch die damalige Bundesrepublik. Von Sylt führt ihn sein Weg über Frankfurt und München schließlich nach Zürich. Auf dem Weg trifft er alte Bekannte, feiert exzessive Partys und kommentiert im stetigen Vollrausch seine Umwelt. Was oberflächlich betrachtet nach einem soliden Stück Popliteratur klingt, ist aber mehr als das, denn „Faserland“ hat durchaus noch eine zweite Ebene, auf der er die NS-Vergangenheit, die übersättigte deutsche Gesellschaft der Nachwendezeit und die Suche nach Identität in einer zunehmend komplexer werdenden Welt verhandelt werden.

Christian Kracht: Meister der Ambivalenz und Ironie-Ironie

Christian Kracht ist Schweizer, geboren wurde er 1966. Er wuchs in verschiedenen Ländern auf, darunter die USA und Kanada. Sein Vater war im Aufsichtsrat des Axel-Springer-Verlags und er ermöglichte es seinem Sohn, das Elite-Internat Schloss Salem am Bodensee zu besuchen.

Nach seinem College-Abschluss arbeitete Kracht als Journalist, unter anderem beim Magazin Tempo, später beim Spiegel und der FAZ. Er selbst bezeichnete sich jedoch (durchaus selbstironisch) als den „schlechtesten Journalisten“, nachdem er eine Wahlkampfreportage über den damaligen SPD-Politiker Rudolf Scharping geschrieben hatte, ohne je mit ihm gesprochen oder vor Ort gewesen zu sein.

1995 erschien sein literarisches Debüt Faserland, das ihn sofort zu einer Berühmtheit machte, denn der Roman schlug ein wie eine Bombe. Das lag vor allem an der völlig neuen Art zu schreiben, die in der wenig experimentierfreudigen Literaturszene der 1990er Jahre aneckte und eher an eine amerikanisch geprägte Art des Schreibens erinnerte. Später sorgte Kracht mit weiteren Romanen wie 1979 oder Ich werde hier sein, im Sonnenschein und im Schatten für Aufsehen (und positive Kritiken).

Kracht ist jedoch durchaus nicht unumstritten. So führte eine Rezension im Spiegel zu seinem Roman Imperium 2012 zu einer öffentlichen Debatte um seine Person. Rezensent Georg Dietz warf Kracht Rassismus sowie demokratiefeindliches und totalitäres Denken vor. Allerdings wurde diese Einschätzung bald verworfen, als andere Rezensionen Dietz weitreichende Ironiefreiheit vorwarfen und kritisierten, er habe schlicht Krachts Humor nicht verstanden.

Kracht spielt gerne öffentlich mit seiner Rolle als Literat aus gutem Hause. Manchmal wirkt er recht schnöselhaft, arrogant vielleicht. Liest oder sieht man Interviews mit Kracht entsteht vor allem der Eindruck eines Menschen, der sehr selbstironisch ist und sich und die Kunst- und Literaturszene, in der er sich bewegt, nicht ernst nimmt. Auch seine Figuren sind durchaus provokant: Unsympathisch, abgehoben und teils zynisch bewegen sie sich durch die von Kracht erschaffenen literarischen Realitäten. Dabei spielt Kracht sehr effektvoll mit Fiktionalität und lässt bewusst die Frage offen, wieviel von ihm selbst in seinen Figuren steckt, und was er mit seinen Texten eigentlich bezwecken will. Er selbst und seine Figuren bleiben dabei stets schwer zu fassen.

Faserland: Ein wilder Trip durch die Bundesrepublik der 90er Jahre

Ebenso unnahbar ist der namenlose Ich-Erzähler in Krachts Faserland. Er stammt aus vermögenden Verhältnissen, hat – so wie Kracht – das Elite-Internat Schloss Salem besucht und begibt sich auf einen wirren Trip durch die Bundesrepublik der 1990er Jahre. Sein Weg führt ihn und seine Babourjacke vom Norden Deutschlands in dessen Süden und schließlich nach Zürich.

Auf dieser Reise, die zunächst auf Sylt beginnt, gibt sich der Erzähler exzessiv dem Alkohol hin, nimmt Drogen und berauscht sich auf den verschiedensten Partys. Dabei trifft er immer wieder alte Bekannte, mit denen er es aber nicht lange aushält, weil sie ihn irritieren, sodass er schließlich unvermittelt weiterreist.

Am Ende ist der Erzähler froh, Deutschland hinter sich gelassen zu haben, sucht in Zürich das Grab Thomas Manns und lässt sich dann auf die Mitte des Zürichsees rudern, wo die Erzählung abbricht.

Der Erzähler als Unsympath

Das ist erstmal alles ziemlich belanglos und an der Oberfläche eine ziemlich krude Geschichte um einen jungen Emporkömmling und sein Alkoholproblem. Dieser Erzähler ist ein Unsympath wie er im Buche steht, er ist ein Schnösel, ein Elitist. Sein übersteigertes Markenbewusstsein nervt schon nach wenigen Seiten und seine Beziehungen zu anderen Menschen sind – gelinde gesagt – stark verkümmert. Grundsätzlich ist er abei apolitisch, wenn überhaupt bringt er seine obsessive Verachtung für „Nazis“ zum Ausdruck (genauso übrigens aber auch für Linke) und sein Weltwissen ist zwar breit gestreut, aber dabei sehr bruchstückhaft.

Seine omnipräsente Tendenz zum Rausch und zur Benebelung stehen im krassen Gegensatz zu seiner Übersensibilität in Bezug auf Wahrnehmungen und Wertungen. Seine Unsicherheit wird noch gepaart mit einer ausgeprägten Fluchttendenz, die sich vor allem immer dann einstellt, wenn ihn soziale Situationen unangenehm sind oder langweilen. Diese Charakteristika scheinen ihm zumindest halbbewusst zu sein, die Kompensation erfolgt mit der nächsten Party, dem nächsten Rausch. Drogen werden verteufelt, gegen eine ominöse Pille auf einer Party ist aber nichts einzuwenden.

Die Sprache in Faserland ist dem Milieu, in dem der Roman spielt, angepasst: Jugendhaft kommt sie daher, betont locker, sehr unmittelbar und präsent. Elemente mündlichen Sprachgebrauchs werden kombiniert mit Selbstkorrekturen und sprachlichen Ambivalenzen, gerade wenn es um die Einschätzung anderer geht.

Gesellschaftskritik oder Popliteratur?

Und doch steckt in Faserland mehr als die Oberfläche zunächst zu erkennen gibt. Offensichtlich bedient sich der Roman bei den klasisschen Versatzstücken der sogenannten Popliteratur. Von dem übersteigerten Marken-Namedropping über eine inhaltlich anspruchslose Handlung bis hin zu einer undifferenzierten Haltung gegenüber Geschichte und Gesellschaft ist alles dabei.

Man darf aber nicht vergessen, dass Krachts Faserland ein Produkt seiner Zeit ist und wenn man genau hinschaut, ist es gerade deswegen auch ein wertvolles Stück Literatur. Denn Faserland thematisiert die Situation in Deutschland 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, nach dem Ende des NS-Regimes. Der Erzähler ist ein Teil dieser Gesellschaft, die nach dem Wirtschaftswunder und einer langen Phase des ökonomischen Wohlstandes nun gesättigt und selbstzufrieden geworden ist. Hetereogenität ist in einem Ausmaß möglich wie nie zuvor in der Geschichte und genau dieser Zustand ist dem Erzähler nicht geheuer.

Gleichzeitig hat das Land vergessen, wie es sich kritisch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen kann, obwohl die NS-Zeit weiterhin überall deutlich zu spüren ist als Teil des kollektiven Bewusstseins und der geteilten Erinnerung. Der Erzähler vermittelt jedoch den Eindruck, dass etwas schief ist, dass etwas nicht stimmt mit diesem Land, das sich Sylt-Urlaube leistet, morgens um elf schon das erste Bier im ICE-Bordrestaurant bestellt und das ansonsten entspannt durch die Republik jettet. Dieser Gesellschaft sind Äußerlichkeiten wichtiger als alles andere, die repräsentative Funktion des Selbst steht im Vordergrund, sehen und gesehen werden, aber dabei bitte keine tiefe Debatte oder Auseinandersetzung.

Da fällt es leicht nachzuvollziehen, wie schwierig es sein kann, in diesem Spiel der Oberflächlichkeiten so etwas wie eine eigene Identität auszubilden oder eine Persönlichkeit zu entwickeln. Und genau das ist es, woran der Erzähler letztlich scheitert. Er sieht die Fassade Deutschlands bröckeln und wünscht sich in eine Zeit, die einfacher ist, in der es klare Kategorien gibt, die weniger komplex ist. Die Einsicht, dass das nicht möglich ist, lässt ihn die Wirklichkeit verleugnen. Der Rausch wird elementarer Teil seines Eskapismus.

Faserland ist auch heute (oder besonders heute) eine klare Leseempfehlung. Gerade Leser*innen, die die 1990er Jahre in diesem Land miterlebt haben, werden viele Bezugspunkte finden und das Lebensgefühl der Zeit wiedererkennen. Alle anderen bekommen eine unterhaltsame Geschichte mit Subtanz und eine optimale Einführung in das Werk von Christian Kracht.

Shownotes und Links:
Christian Krachts Roman Faserland beim S. Fischer Verlag
Autorenseite von Christian Kracht bei Kiepenheuer und Witsch
Georg Dietz: Die Methode Kracht (Der Spiegel, 2012)
Wikipedia-Eintrag zum Begriff der Popliteratur
„Auf ein Buch!“ bei Spotify
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Folge 10 zu Leif Randts „Allegro Pastell“

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