Folge 10: Leif Randts Roman „Allegro Pastell“

Leif Randts Roman „Allegro Pastell“

Hurra, ein Jubiläum! In der zehnten Folge spreche ich über einen weiteren Nominierten für den Deutschen Buchpreis, nämlich Leif Randts Roman Allegro Pastell: Tanja (Ende 20), Jerome (Mitte 30), sie Erfolgsautorin, er Webdesigner, führen eine Fernbeziehung zwischen Maintal und Berlin. Die „Lovestory aus den späten Zehnerjahren“ (so der Klappentext) ist aber eher eine soziologisch-philosophische Studie des freiberuflichen Millenial-Milieus: Ständig reflektieren sich die Figuren selbst und ihr Handeln und versuchen dabei mit aller Macht ihr Leben zu kontrollieren. Dass das mitunter anstregend ist, leuchtet ein, und gerade deshalb ist auch Leif Randts Roman (zumindest für mich) eine echte Herausforderung, an der man sich abarbeiten muss.

Zu Leif Randt

Leif Randt gehört zu der jungen Riege deutscher Gegenwartsautoren. Geboren wurde er 1983 in Maintal-Ost bei Frankfurt am Main und lebt heute in Berlin. Diese beiden Orte werden auch in seinem Roman Allegro Pastell als Handlungsorte verarbeitet. Sein Debutroman Leuchtspielhaus erschien 2009, danach machte er mit Titeln wie Schimmernder Dunst über Coby County und dem Science-Fiction-Roman Planet Magnon auf sich aufmerksam. Der neuste Roman Allegro Pastell ist für den deutschen Buchpreis 2020 nominiert.

Darum geht’s in Allegro Pastell

Die Hauptfiguren in Allegro Pastell sind Jerome Daibler, Mitte 30 und Webdesigner in Maintal bei Frankfurt, und seine Freundin Tanja Arnheim, Ende 20 und Erfolgsautorin aus Berlin. Beide führen eine Fernbeziehung. Zunächst scheint in der Beziehung zwischen Jerome und Tanja alles sehr harmonisch und konfliktarm zu verlaufen. Die beiden wirken, als hätten sie ihren Platz gefunden. Das ändert sich jedoch, als Jerome für Tanja eine Webseite entwirft und es in diesem Zusammenhang zu ein ersten Irritation kommt. Es entsteht ein Phase der weitgehenden Kontaktlosigkeit und beide Figuren nähern sich anderen Partnern an: Tanja kommt einem Mann namens Jannis näher und Jerome knüpft einen Kontakt zu seinem Jugendschwarm Marlene.

Der Unterschied zwischen Allegro Pastell und einem klassischen Liebesroman

Es geht im Verlauf dann aber weniger darum, was die Figuren tun und wie sich ihr Leben entwickelt. Das ist auch der Unterschied zu einem klassischen Liebesroman. Vielmehr geht es darum, was die Figuren denken, wie sie sich und ihre Beziehung reflektieren. Es steht auch gar nicht so sehr die Frage im Mittelpunkt, ob die beiden miteinander glücklich werden können. Statt dessen dreht sich alles um Definitionen von Glück, um das Verständnis von Beziehung, von Selbstverwirklichung, von der Balance zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Allesamt sind das vermeintlich Themen, die diese Generation umtreiben und die Leif Randt in Allegro Pastell ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.

Meine Einschätzung zu Allegro Pastell

Von Langeweile und durchgestylten Figuren

Der Plot an sich ist also im Grunde äußerst uninteressant. Auf mich wirkt er uninspiriert und wenig innovativ. Es ist eine Liebesgeschichte, wie man sie schon tausendfach gehört oder gelesen hat. Nichts daran ist neu oder anregend. Im Gegenteil, alles ist sehr mondän und alltäglich. Die Figuren Jerome und Tanja sind einfach unsympathisch. Beide leben in einer sehr dicht begrenzten Welt, einer Bubble könnte man treffender sagen.

Es kommt an keiner Stelle eine andere Figur vor, die nicht so wäre wie sie selbst: finanziell unabhängig, akademisch gebildet und attraktiv. Jerome und Tanja wissen sich in ihrem Milieu zu bewegen und zu verhalten. Ihr Leben scheint von vorne bis hinten durchgestylt zu sein – jung, schön und erfolgreich quasi. Aber trotzdem sind beide auch unsicher, sie reflektieren ständig sich selbst, sich gegenseitig und ihre Umgebung und ihren Platz darin. Man könnte sagen, der Roman ist wie ein großes Therapiegespräch mit sich selbst.

Die volle Kontrolle

Ein zentrales Motiv in Allegro Pastell ist der Drang, Dinge und Menschen zu kontrollieren. Das heißt die Kontrolle über das eigene Leben zu haben, dabei aber auch mal – wiederum bewusst und reflektiert – die Kontrolle zumindest kurzzeitig abzugeben und zu erspüren, wie es einem damit geht. Letztlich verlieren Jerome und Tanja aber niemals wirklich die Kontrolle. Selbst an Drogenerfahrungen, die in Allegro Pastell ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, zeigt sich ihr Pragmatismus und ihre kontrollierte Genussunfähigkeit.

Ziel ist für die beiden immer die Selbstoptimierung durch Reflexion. Wie fühlt es sich gerade an? Erfülle ich noch meine Ansprüche an mich selbst? Bin ich spontan genug? Das macht Allegro Pastell für mich anstrengend und stellenweise nervtötend, weil ich mich einfach nicht mit diesen Figuren identifizieren konnte und wollte. Dieser ständige Reflexions- und Selbstvergewisserungsdrang ging mir einfach nach einiger Zeit sehr auf die Nerven. Daher musste das Buch immer mal wieder zur Seite legen und eine Pause machen.

Das große „Aber trotzdem“

Gleichzeitig hat mich das aber auch auf eine bestimmte Art fasziniert. Allegro Pastell von Leif Randt ist ein bisschen wie ein Blick in das Innerste. Er seziert die Gedanken, Gefühle, Ängste, Wünsche und Hoffnungen der Figuren in einem solchen Detailgrad, dass einen das nicht loslässt. Auch Wochen nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich noch mit Menschen in meinem Umfeld darüber gesprochen. Ich habe immer wieder davon erzählt und konnte nicht glauben, dass es so einen lang anhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Allegro Pastell ist ein Roman, an dem man sich abarbeiten muss. Es ist ein Roman, der nicht einfach nur leichte Unterhaltung ist. Natürlich kann man ihn auch so lesen, aber wenn man das tut, dann ist er nicht viel mehr als eine unterdurchschnittliche Liebesgeschichte. Und man verpasst die philosophische Zeitdiagnose, die Leif Randt entwirft und es entgeht einem auch eine Chance, sich mit der so genannten Gegenwart auseinanderzusetzen. Gerade für Menschen zwischen 30 und 40 dürfte dieser Roman sehr spannend sein, da man zu jeder Zeit angeregt wird darüber nachzudenken, inwiefern man sich darin auch selbst wiederfindet. Bis zu einem gewissen Grad kann man das auch, natürlich nicht in dieser Extreme und nicht in dieser abgehobenen Überzogenheit, aber immerhin ein bisschen.

Mich hat Allegro Pastell nachdenklich gestimmt und ich möchte diese Leseerfahrung nicht missen.


Shownotes:

Leif Randts Roman „Allegro Pastell“ bei Kiepenheuer & Witsch

Das Hörbuch zu „Allegro Pastell“

„Auf ein Buch“ bei Spotify

Papierstau“-Podcast zur Buchpreis-Longlist (Folge 116)

Zur letzten Folge von „Auf ein Buch“ zu Gustav Mahlers Roman „Der letzte Satz“

3 Antworten auf „Folge 10: Leif Randts Roman „Allegro Pastell““

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