Folge 24: Ottessa Moshfeghs Roman „Der Tod in ihren Händen“ (mit Anke Caroline Burger, Übersetzerin)

Ottessa Moshfeghs Roman „Der Tod in ihren Händen“

Ottessa Moshfeghs neuer Roman Der Tod in ihren Händen erzählt die Geschichte der 72-jährigen Vesta Guhl. Diese lebt nach dem Tod ihres Mannes Walter allein und zurückgezogen in einem abgelegenen Haus. Ihre Nachbarn und die Bewohner des kleinen Ortes Levant kennt sie kaum, einzig ihr Hund Charlie ist ihr treuer Begleiter. Bei einem morgendlichen Spaziergang entdeckt Vesta im Wald eine Nachricht auf einem Stück Papier: „Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“ Vesta beginnt mit einer Recherche zu dem vermeintlichen Mord an Magda und erfindet in ihren Gedanken ein komplexes Geflecht aus Charakteren und Geschichten, bei denen zusehends der Bezug zwischen Realität und Fiktion zu verschwimmen scheint.

Ottessa Moshfegh ist eine Spezialistin für die irritierende Vermischung von Realität und Fantasie und der Frage, was Realität ist und was sich nur im eigenen Kopf abspielt. Geboren wurde die Tochter iranischer Einwanderer in die USA 1981 und absolvierte ein Studium des kreativen Schreibens am Barnard College und später an der Brown University. In ihren Romanen wird entsprechend nichts dem Zufall überlassen. Sie scheint beim Schreiben einem klaren Plan zu folgen. Struktur und Klarheit sind ihr dabei genauso wichtig wie Irritationen und das perfide Spiel mit Genres und literarischer Charakteristik. Moshfeghs Übersetzerin Anke Caroline Burger nennt sie deshalb auch einen „Punk mit Ausbildung am Konservatorium“.

Der Tod in ihren Händen: Ein Kriminalroman?

In ihrem neusten Werk Der Tod in ihren Händen treibt Moshfegh dieses Spiel gekonnt auf die Spitze. Könnte man zu Beginn noch meinen, man befände sich in einem Kriminalroman, einem klassischen Whodunit, so wird dieser Eindruck bereits nach wenigen Seiten revidiert.

Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen, S. 7

Diese Sätze findet Vesta Guhl auf einem Stück Papier im Wald. Die Protagonistin erinnert an Miss Marple: alleinstehend, gewitzt und ein bisschen quirky – und offenbar auf direktem Weg, einen Mord aufzukläre. Wäre da nicht ein kleines Problem: Es gibt gar keine Leiche. Vesta ist irritiert und nimmt den Zettel mit nach Hause.

Ein perfides Spiel mit Realität und Fantasie

Vesta lässt die Nachricht nicht mehr los und sie steigert sich zusehends in deren mögliche Bedeutung hinein. Sie spinnt ihre eigene Geschichte und erfindet ein Opfer, einen Mörder und dessen Mutter. Dazu kommt ein ganzes Arsenal an Figuren, die teils ihrer Fantasie, teils ihrer Lebenswirklichkeit entspringen.

Ganz nebenbei muss sich Vesta von ihrem verstorbenen Mann Walter emanzipieren. Dieser spukt ständig in ihren Gedanken herum, kommentiert und bewertet ihr Handeln. Langsam wird klar, dass sie schon zu Lebzeiten mit Walter nicht glücklich war, dass er sie mehrfach betrog wird angedeutet.

Mehr und mehr verschmelzen diese Elemente zu einem komplexen Geflecht, bei dem schon bald nicht mehr klar, was davon eigentlich wirklich passiert und was nur in Vestas Kopf stattfindet. Verunsichernd wirkt dabei vor allem die äußerst unzuverlässige Ich-Erzählerin, der man an keiner Stelle trauen sollte.

Ein faszinierender Genre-Mix

Für mich ist der Tod in ihren Händen ein sehr abwechlungsreiches Lesevergnügen gewesen. Dennoch ist der Roman ein anspruchsvoller Text, der einen als Leser*in durchaus herausfordert. Trotzdem können sich auch klassische Krimi-Fans durchaus mal an diesen Text wagen, gerade weil er nicht die typischen Genrekonventionen und Erwartungshaltungen erfüllt.

Literaturübersetzerin Anke Caroline Burger ist zu Gast in der neuen Folge (© Kaaren Beckhof/Eugenie Reznick)

Hört natürlich auch gerne in meine Podcast-Folge zu dem Roman rein. Dort erfahrt ihr noch mehr Hintergründe. Zudem erzählt die Literaturübersetzerin Anke Caroline Burger von ihrer Arbeit und insbesondere auch von ihren Eindrücken von Ottessa Moshfeghs neuem Roman.

Shownotes & Links

Ottessa Moshfeghs Roman „Der Tod in ihren Händen“ bei Hanser Berlin

Das Hörbuch zu Ottessa Moshfeghs Roman „Der Tod in ihren Händen“ bei Hörbuch Hamburg

„Auf ein Buch!“ bei Spotify

„Auf ein Buch!“ bei Instagram

Webseite von Ottessa Moshfeghs Übersetzerin Anke Caroline Burger

Anke Caroline Burger bei Instagram (@ankecarolineb)

Folge 4 zu Colson Whiteheads Roman „Nickel Boys“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.