Folge 22: Monika Helfers Roman „Vati“

Monika Helfers neuer Roman „Vati“

In ihrem neusten Roman mit dem Titel Vati nähert sich die österreichische Autorin Monika Helfer in einer weiteren intimen Familiengeschichte ihrem Vater. Sanft und mit viel Liebe rekonstruiert sie dessen Leben und changiert dabei literarisch geschickt zwischen Fiktion und Realität. Dazu ist der Roman auch eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher und knüpft nahezu nahtlos an den Vorgänger-Bestseller Die Bagage aus dem letzten Jahr an.

Vati möchte er genannt werden, als eben dieser möchte er gesehen und wahrgenommen werden. Ursprünglich stammt er aus ärmlichen Verhältnissen, schafft den Sprung auf das Gymnasium und entdeckt früh seine besondere Liebe zu Büchern. Der zweite Weltkrieg kommt jedoch dazwischen, er verliert ein Bein und bleibt zunächst traumatisiert zurück. Er heiratet die Krankenschwester Grete (Monika Helfers Mutter) und übernimmt die Verwaltung eines Heims für Kriegsversehrte.

Ein geheimnisvoller Vater mit Liebe zu Büchern

Monika Helfer schließt mit ihrem Roman Vati nahezu direkt an Die Bagage an. Hauptfigur ihrer Lebenserzählung ist – wie der Titel bereits vorwegnimmt – ihr eigener Vater: Dieser stammt aus einfachen Verhältnissen, lernt früh den Wert der Bildung schätzen. Er liebt Bücher und verbringt Stunden in der Bibliothek des Vaters eines Klassenkameraden und schreibt dort Bücher in seine Schulhefte ab. Er kommt sogar auf das Gymnasium, doch dann kommt ihm der Krieg dazwischen. In Russland verliert er ein Bein.

Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern. Er wollte vor uns und durch uns einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste. An dem eine andere Vergangenheit abzulesen wäre. Untertags und auch nachts denk ich an ihn, wie er da in seinem Lehnstuhl sitzt unter der Stehlampe, rundum die eigenen Kinder und fremde, zum Beispiel die vom Erdgeschoss. Ihr Ball rollt um seine Füße, unter den Stuhl, ihn schreckt es nicht. Er liest.

Monika Helfer: Vati, S. 7 (Romananfang)

Während der Rehabilitation lernt er jedoch die Krankenschwester Grete kennen (die später Monika Helfers Mutter werden soll). Bald darauf heiraten die beiden und durch einen weiteren Zufall wird dem Vater die Verwaltungs eines Heims für Kriegsversehrte übertragen. Seine besondere Vorliebe für Bücher begleitet ihn weiter, die Pflege der Bibliothek des Versehrtenheims, die vor allem er selbst nutzt, ist ihm ein besonderes Anliegen. Ironischerweise wird eine üppige Bücherspende ihm dann zum Verhängnis.

Zwischen Fiktion und Realität

Wie auch schon in Die Bagage ist Monika Helfer wieder die Ich-Erzählerin in ihrem Roman Vati und zeichnet aus dieser Perspektive heraus das Leben ihres Vaters nach. Dabei geht man als LeserIn natürlicherweise erst einmal von einem hohen Grad an Authentizität, von einem besonderen Maß an Zuverlässigkeit aus. Aber in Vati ist dem mitnichten so, denn man darf nicht vergessen, dass es sich hierbei um ein Stück Literatur handelt, das sich klar im Bereich der Autofiktion bewegt.

„Es geht also um deinen Vater,“ sagte sie. „Hab ich recht?“ – „Ich möchte einen Roman über ihn schreiben.“ – „Wahr oder erfunden?“ – Ich sagte: „Beides, aber mehr wahr als erfunden.“

Monika Helfer: Vati, S. 9

Natürlich gibt es in Vati eine Menge autobiografische Anteile, aber ein großer Teil dieses Romans ist eben doch fiktionalisiert, teilweise sicher auch rein fiktiv. Beim genaueren Hinsehen ist dies auch sehr nachvollziehbar, denn was weiß man eigentlich von einer Person wie dem eigenen Vater wirklich? Kennt man dessen wahre Persönlichkeit, seine Motivationen, die Details seines Lebens? Oder sind es am Ende doch nur Auszüge oder ein selbst zurecht gelegtes Bild von dieser Person?

Und aus diesen Überlegungen heraus nähert sich Monika Helfer in Vati ihrem Vater mit literarischen Mitteln. Überall wo sie keine Antworten hat oder etwas nicht genau weiß oder es nicht (mehr) herausfinden kann, bedient sie sie sich dieser literarischen Mittel, um Leerstellen zu füllen, zu spekulieren, zu mutmaßen.

Monika Helfers Vati ist auch ein Heimkehrerroman

Monika Helfers Vater steht auch repräsentativ für eine ganze Generation von Männern, nämlich der der Heimkehrer aus dem zweiten Weltkrieg. Mit diesem literarischen Typus teilt er viele Eigenschaften und Merkmale: Er ist zurückgezogen, oft in sich gekehrt, geheimnisvoll, selbst für nahe Verwandte bleibt er stellenweise ein Mysterium. Schreckliches hat er erlebt, körperlich ist er versehrt und entsprechend traumatisiert. Der Krieg hat ihm zugestezt.

Und doch ist er auch nicht der klassische Heimkehrer, wie man ihn zu Hauf in unzähligen Texten der Nachkriegsliteratur wiederfinden kann. Dank Monika Helfers Erzählweise kann man erahnen, dass hinter der kalt anmutenden Fassade ein liebevoller Mensch steckt. Sie erzählt mit so viel Positivität, Emotion und Sanftheit, dass man man nicht nur den unnahbaren Vater sieht, sondern teilhaben möchte an der schrittweisen Aufeckung dieses geheimnisvollen Menschen.

Monika Helfers Vati: Auch eine Liebeserklärung an die Literatur

Er hatte eine große Freude an den Zeichen, den Buchstaben wie den Ziffern. Bald las er der Tante Vev vor. Wenn ihm die Mutter einen Blaustift und ein Stück Pappendeckel gab und ein Messerchen zum Spitzen, war er still den ganzen Tag, als wäre er gar nicht. Als er schließlich zur Schule kam, konnte er lesen und schreiben, besser als die in der zweiten und besser als die in der dritten Klasse und besser als mancher Erwachsene, nicht wenige gab es, die konnten es gar nicht.

Monika Helfer: Vati, S. 17

Eines der zentralen Leitmotive von Monika Helfers Roman Vati ist die Frage nach dem Wert von Literatur, die in der Figur des Vaters ihren menschlichen Ausdruck findet. Seine besondere Verehrung für Bücher wird an mehreren Stellen beleuchtet. Dabei findet man allerdings nie heraus, wodurch diese Begeisterung, diese Liebe, diese Sucht eigentlich motiviert ist.

So ist es auch nicht verwunderlich, mit welchem Stolz der Vater eines der ersten Bücher sein Tochter, in sein Regal einsortiert – direkt neben Heine. Am Ende sind es auch die Bücher, die das Leben des Vaters für immer verändern und ihm eine tragische Wendung geben.

Wer selbst eine besondere Liebe zu Büchern und Literatur emfpindet, für den ist Monika Helfers neuer Roman Vati auf jeden Fall etwas. Wer dazu noch eine komplexe Familiengeschichte lesen möchte, sollte in jedem Fall zugreifen. Was man dann bekommt, ist ein souverän erzählter Roman (hier und da mit ein paar Unsicherheiten und Ambivalenzen), ein bisschen Spekulation, eine Prise Uneigentlichkeit und einfach eine großartige Geschichte.

Shownotes & Links

Monika Helfers Roman „Vati“ beim Hanser Verlag

Monika Helfer beim Hanser Verlag

Hörbuch zu Monika Helfers Roman „Vati“ bei Der Hörverlag

Interview mit Monika Helfer bei „Der Standard“

Folge 8 zu Monika Helfers Roman „Die Bagage“

„Auf ein Buch!“ bei Spotify

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