Folge 13: Thomas Hettches Roman „Herzfaden“

Thomas Hettches Roman über die Augsburger Puppenkiste: "Herzfaden"
Thomas Hettches Roman über die Augsburger Puppenkiste: „Herzfaden“

Nach der Bonus-Folge in der letzten Woche, geht es nun wieder ans Eingemachte und ich bespreche wieder mal einen Roman. Der Inhalt von Thomas Hettches Herzfaden ist schnell zusammengefasst: Ein Mädchen besucht eine Vorstellung der Augsburger Puppenkiste und entdeckt im Theater zufällig eine Geheimtür, hinter der sie auf die vielen beliebten Figuren des Marionettentheaters sowie deren Schöpferin Hannelore Hatü Öhmichen trifft.

Hatü erzählt ihr von der Entstehung und Entwicklung der Puppenkiste, von der Nachkriegszeit, der NS-Vergangenheit und von dem dunklen Geheimnis um die Figur des Kasperls. Thomas Hettche kontrastiert Märchen und Zeithistorisches, Vergangeheit und Gegenwart und zeigt, wie das Erzählen von alten und neuen Geschichten eine Chance für einen Neuanfang sein kann.

Herzfaden: Ein Roman mit zwei Ebenen

Thomas Hettches Herzfaden wird auf zwei Ebenen erzählt, es gibt also eine Rahmen- und eine Binnenhandlung. Die Welt des Mädchens, die hinter einer Geheimtür im Theater auf die Marionetten der Augsburger Puppenkiste sowie ihre Schöpferin Hatü Öhmichen trifft, ist eine Welt voller Magie, Geheimnis und Fantasie.

In der Binnenhandlung zeigt Thomas Hettche dem Leser das Leben von Hatü und beschreibt, wie diese zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester die Augsburger Puppenkiste gründete und vor allem in der Nachkriegszeit bedeutend weiterentwickelte und prägte. Auch hier trifft man wieder auf die guten alten Bekannten, wie etwa das Urmel, den gestiefelten Kater, den König der Erdmännchen Kalle Wirsch oder Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer.

Doch Herzfaden ist weit mehr als eine Nacherzählung des Aufstiegs des Marionettentheaters, sondern thematisiert darüber hinaus den Umgang mit der NS-Vergangenheit, die Gründung der Bundesrepublik und die Entwicklung der deutschen Medienlandschaft.

Die Puppenkiste und die Bundesrepublik

Walter Öhmichen, Hatüs Vater, bringt es im Roman auf den Punkt:

Das ist unser Theater. Diese Kiste. Sie ist alles, was uns geblieben ist. Sie steht in den Ruinen. In sie sperren wir alles ein, was war. Verwandelt wird es wieder herauskommen.

Walter Öhmichen, Gründer der Augsburger Puppenkiste, in Thomas Hettches Herzfaden

In diesem Zitat wird präzise auf den Punkt gebracht, worum es bei dem Projekt der Augsburger Puppenkiste geht. Ziel ist ein Neuanfang, eine Auferstehung, die Neuerschaffung von Kulturbetrieb, das Erzählen von alten und neuen Geschichten. Öhmichen will das Alte, die NS-Zeit und ihre menschenfeindliche Ideologie, hinter sich lassen. Hatü selbst spricht von einer „Sehnsucht“ – einer Sehnsucht nach Trost, nach Ablenkung und schließlich auch nach Aufarbeitung einer kollektiven Schuld.

Das gerade das Hintersichlassen in Bezug auf den Nationalsozialismus und seine Verbrechen kein leichtes oder unproblematisches Unterfangen ist, sollte klar ersichtlich sein. Und hierin liegt auch begründet, warum die Spielgruppe schnell dazu übergeht, neue Stoffe umzusetzen. Diese müssen auf zwei Ebenen funktionieren: Sie sollen sich an Kinder und Erwachsene gleichermaßen richten und zudem Akzente in Bezug auf die schwierige und schuldbeladene Vergangenheit setzen.

Hatü und die NS-Ideologie

Am Beispiel einer der beliebtesten Figuren der Puppenkiste, dem Kasperl, demonstriert Hettche, wie perfide die Wirkmechanismen der NS-Ideologie sein konnten.

Hatü wächst mitten in der NS-Zeit auf, geboren wird sie 1930, 1945 ist sie 15 Jahre alt. Sie ist also geprägt von den ideologischen Verirrungen des NS-Regimes. Sie erlebt vieles direkt mit: Da verschwindet plötzlich die jüdische Schulfreundin, Juden werden deportiert, die Kriegsmaschinerie wird angefeuert. Schließlich muss sogar der eigene Vater in den Kriegseinsatz.

Hatü hat zwar ein unterschwelliges Bewusstsein für die Vorgänge im Land, jedoch kann sie diese noch nicht in ihrer Gesamtheit fassen. Erst viel später merkt sie, wie sie selbst beeinflussbar und manipulierbar war. Den Kasperl, der ihr aus vermeintlich unerfindlichen Gründen Angst bereitet, hat sie genau nach den von den Nazis propagierten Klischees eines Juden geschnitzt.

Wir müssen die Herzen der Jugend erreichen, die von Nazis verdorben wurden [und] die Fäden, mit denen wir sie wieder an die Kultur anknüpfen müssen, das sind die Fäden meiner Marionetten.

Walter Öhmichen in Thomas Hettches Roman Herzfaden

Für Hatü dauert diese Verarbeitung lange – erst spät im Roman erfährt sie von ihrem altgewordenen Vater das Geheiminis der Kasperl-Marionette. Dennoch beginnen sie uns ihre Familie schon früh damit, nach den Prinzipien Walter Öhmichens zu arbeiten und „an die Kultur an[zu]knüpfen“: Aus alten Nazi-Flaggen bastelt die Mutter Kostüme für Figuren, statt dem Gestiefelten Kater stehen nun Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer und Der kleine Prinz auf dem Programm.

Michael Ende und der theoretische Überbau

Zum Ende des Romans lässt Thomas Hettche in Herzfaden den damals jungen Erfolgsautoren Michael Ende auftreten und verleiht seiner Erzählung damit ein bisschen theoretische Programmatik ohne dabei allzu aufdringlich zu werden.

In jedem Menschen lebt ein Kind, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig. Und dieses Kind, das so verletzlich und ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft, dieses Kind in uns bedeutet bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft.

Michael Ende in Thomas Hettches Roman Herzfaden

Nicht nur der Wert des Kind-Seins bzw. Kind-Bleibens sind für die GründerInnen der Augsburger Puppenkiste zentrale Werte. Michael Ende ergänzt dazu den Wert des Geschichtenerzählens, die Bedeutung einer guten Erzählung für den kollektiven Geist. Letztendlich ist sein Jim Knopf nichts anderes. Er will weg von den „Mythen, wie sie uns die Nazis eingetrichtert haben“, hin zu einer neuen Kultur.

Fazit: Lest Thomas Hettches Herzfaden

Alles in allem ist Thomas Hettches Roman Herzfaden ein im wahrsten Wortsinne schöner Roman, ein Roman, der auf vielen verschiedenen Ebenen gelesen werden kann. Man kann sich von ihm unterhalten lassen, man kann aber auch eine ganze Menge von ihm lernen. Es ist ein Roman, der gerade, was die Sprache und den Stil angeht, viel Magisches mitbringt und sicher bei den meisten LeserInnen unvergessliche Kindheitserinnerungen wachruft.

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