Folge 65: Lucy Frickes Roman „Die Diplomatin“

Lucy Frickes Roman „Die Diplomatin“ (erschienen im Claassen Verlag)

Friedericke Andermann, genannt Fred, ist die Hautpfigur in Lucy Frickes fünftem Roman Die Diplomatin und Botschafterin in Uruguay. Dort beschäftigt sie sich vor allem mit der Frage nach der Farbe der Servietten und der Versorgung mit deutschen Bratwürsten bei den Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit. Nach einem Skandal verliert Fred ihren Posten und wir treffen sie zwei Jahre später als Konsulin in Instanbul wieder.

Dort setzt sie sich ein für den jungen Deutsch-Türken Bariş, der seine Mutter, die als regimekritische Künstlerin im Istanbuler Frauengefängnis einsitzt, besucht und daraufhin selbst festgesetzt wird. Zu allem Überfluss gerät auch noch der deutsche Journalist David ins Visier des türkischen Justizapparats und Fred muss feststellen, dass sie mit den klassischen Mitteln der Diplomatie mehr und mehr an Grenzen stößt.

Mich hat an diesem Roman zunächst die Hauptfigur abgeholt. Diese Fred ist grundsympathisch, man merkt, dass sie ein ehrgeiziger Mensch ist, dass sie Ziele und Ideale hat, gerade am Anfang wird deutlich, wie sehr ihr daran gelegen ist, auch die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und genau darin liegt dann später auch der Grundkonflikt des Romans, denn es stellt sich bald die Frage, ob sie an diesem Idealismus scheitert oder ihn sogar überwinden kann, als sie mit der gesamten Maschinerie eines Unrechtsstaates konfrontiert wird.

Die Podcast-Folge zu Lucy Frickes Roman „Die Diplomatin“

Die Einsamkeit einer Diplomatin

Dazu ist natürlich auch interessant, dass es eine weibliche Hauptfigur ist. Lucy Fricke selbst spricht darüber auch in einem Interview mit dem SWR, denn der Diplomatenberuf ist weiterhin männlich dominiert und gerade Frauen tendieren dazu, als Diplomatin einsam zu sein, da es, wie die Autorin erklärt, wenig Männer gibt, die bereit sind, als mitreisende Partner ihre Frauen zu begleiten. Und dieser Missstand bzw. dieses Missverhältnis spielt auch in Die Diplomatin eine Rolle, denn Fred ist durchaus ein sehr einsamer Mensch und zumindest im Privaten auf sich allein gestellt.

Natürlch hat sie professionelle Unterstützung und eine Handvoll Menschen, denen sie vertraut und zu denen sie auch eine engere Beziehung pflegt, aber das berührt kaum das Private. Nicht grundlos kann sie Intimität und Zuneigung zu einem Mann erst zulassen, als sie sicher weiß, dass sie eben diese niemals wiedersehen wird. Hier zeigt sich deutlich, wie kontrolliert und abgeklärt sie sein muss, um den Herausforderungen ihre besonderen Berufs gewachsen zu sein.

Keine Stereotype, dafür viel Humor, Witz und Ironie

Fred ist definitiv keine stereotype Frauenfigur, die sich in einer Männerdomäne durchsetzen muss, denn sie ist autark und wird in ihrem beruflichen Handeln respektiert und wertgeschätzt und es geht Lucy Fricke in ihrem Roman nicht darum, eine Frau zu zeigen, die mit ihrer Rolle als Frau hadert, im Gegenteil: Fred ist eine selbstbewusste Figur, und im Vordergrund stehen vielmehr die inneren Konflikte, die sie mit sich selbst austragen muss.

Gleichzeitig ist Fred, die übrigens auch die Ich-Erzählerin dieses Romans ist, extrem humorvoll, und dieser Ton passt perfekt zu diesem Roman, steht er doch im Gegensatz zum Leben einer Botschafterin, das oft genug von Trivialität und Absurdität gekennzeichnet ist. Diese Ironie wird besonders deutlich, wenn Fred mit dem täglichen Klien-Klein und den unauflösbaren Widersinnigkeiten ihres Berufs konfrontiert ist.

Gerade am Anfang des Romans ist das noch sehr lustig, etwa, wenn sie für den Tag der deutschen Einheit ein Fest organisieren soll und sich mit der Farbe der Servietten oder der Lieferung der Bratwürste auseinandersetzen soll. Hier sprüht der Text nur so vor Witz und Charme, und das zieht sich durch den gesamten Roman, wobei im Laufe der Erzählung die Themen und der inhaltliche Rahmen wesentlich ernster werden. Fred wird dadurch aber als Protagonistin eine Identifikationsfigur und gleichzeitig sehr nahbar und menschlich.

Direkt hinter der Grenze gebe es diesen deutschen Schlachter, nach seinen Würstchen seien die Leute hier verrückt, ja, eigentlich kämen sie überahupt nur wegen der Würste zu unseren Botschaftsempfängen, keinesfalls dürfte ich die weglassen, die Enttäuschung in der internationalen Gemeinschaft werde grenzenlos sein, Sie wissen ja, wie nachtragend die Gemeinschaft ist, besonders die internationale.

Lucy Fricke: „Die Diplomatin“ (S. 15)

Der Kampf gegen den Unrechtsstaat

Im zweiten Dritten bekommt der Roman dann noch eine zweite Eben hinzu, nämlich eine politische. Wir treffen Fred zwei Jahre später wieder, mittlerweile ist sie Konsulin in Instanbul. Genau hier wird der Roman politisch und tagesaktuell und setzt sich sehr direkt und ohne Beschönigungen mit der Situation in der Türkei auseinander, was unter anderem dazu führte, dass Lucy Fricke von Reisen in die Türkei aktuell abgeraten wurde.

Die kritische Auseinandersetzung mit der Türkei betrifft vor allem die Minderheiten im Land, aber auch Deutsch-Türken, die sich in Deutschland für bestimmte Belange engagieren, die das Regime in der Türkei unterbinden möchte. Besonders deutlich wird der Schrecken des türkischen Justizsystems, das „Verdächtige“ inhaftiert und für lange Zeit wegsperrt und sie auf ihren „rechtmäßigen“ Prozess warten lässt, nur um diesen dann immer wieder zu verzögern, zu verschieben oder per Bürokratie künstlich in die Länge zu ziehen, sodass sich dann eben an der Grundsituation des Freiheitsentzugs nichts ändert.

Eine Diplomatin verliert die Geduld

Parallel wird jedoch immer wieder suggeriert wird, es gäbe ein faires, juristisches Verfahren. Und in einem solchen System gerät die Diplomatie deutlich an ihre Grenzen, verkommt beinahe zu einer Farce und es wird deutlich, wie eingeschränkt die Mittel sind, mit denen Fred sich etwa für den deutschen Journalisten David, die türkische Künstlerin Meral oder ihren Sohn Baris einsetzen kann. Diese drei Fälle, die im Roman eine Rolle spielen, sind allesamt fiktiv, aber es benötigt nicht sehr viel Fantasie sich vorzustellen, dass eben solche Schicksale tagtäglich in einem Land wie der Türkei Realität werden.

Für Fred bedeutet das, dass sie mehr und mehr die Geduld verliert, eine Eigenschaft, die natürlich für eine Diplomatin von herausragender Bedeutung ist. Hier wird klar, wie ohnmächtig sie letztlich ist, was sie dann aber wiederum dazu befähigt, diese Ohnmacht durch aktives Handeln zu überwinden. Notwendigerweise widerspricht dieses Handeln den Regeln der internationalen Diplomatie und das führt dann in der zweiten Hälfte des Romans unweigerlich auch zu einem äußeren Konflikt mit dem türkischen Staats- und Justizsystems.

Der Blick in die Ukraine

Blickt man dieser Tage in die Ukraine, dann bekommt Lucy Frickes Die Diplomatin eine grausame Aktualität, denn hier zeigt sich deutlich und für jeden sichtbar, welche Grenzen es für die Diplomatie gibt. Wenn also großspurig Solidarität und Unterstützungswille bekundet wird, aber letztendlich wenig bis nichts passiert, dann wird einerseits klar, wie heikel internationale Beziehungen sind, andererseits aber auch, wie chancenlos bestimmte Ideale und Werte wie Kommunikation, Verhandlungen und Diplomatie sein können.

Gleichzeitig gibt der Roman in dieser Hinsicht aber auch Hoffnung, zeigt er doch, dass es letztlich immer Mittel und Wege gibt, eine Situation zu lösen, auch wenn man möglicherweise dafür die Spielregeln und Grenzen ein wenig ausdehnen und erweitern muss. Wenn man dem ehemaligen Außenminister Heiko Maas, der den Roman in der ZEIT rezensiert hat, glauben darf, dann schildert Lucy Fricke den Diplomatenalltag mit all seinen Verstrickungen, Herausforderungen und notwendigen Grenzüberschreitungen überaus realistisch und lebensnah.

Lucy Frickes Diplomatin: Mehr als eine Galionsfigur

In Die Diplomatin gibt es großartige Dialoge, viel Witz und Ironie, das Erzähltempo ist hoch, die Figuren realistisch und nahbar, die Handlung abwechslungsreich und spannend, das Finale des Romans ist ein echtes Highlight, das die Erzählung abrundet. Schließlich vermittelt das Buch ein hoffnungsvolles Bild von unserer international verflochtenen Welt, denn wenn die Protagonistin zu Beginn des Romans noch lakonisch feststellt „Ich stehe rum und bin nur Deutschland“, dann zeigt sie am Ende, dass sie mehr ist als eine Galionsfigur, mehr als eine Repräsentantin, mehr als eine verbitterte Diplomatin.

Vielmehr ist sie eine kämpferische und engagierte Frau mit einer Menge Courage, Selbstwirksamkeit und praktischem Idealismus. Mir persönlich hat sich dadurch eine Welt erschlossen, von er ich bisher nur wenig wussten, manches allenfalls ahnen konnte und die nun dank dieses Romans klar und deutlich vor mir liegt und mich aus einer neuen Perspektive auf diese Welt blicken lässt. Dazu erinnert Die Diplomatin an den Wert von Demokratie und Rechtstaatlichkeit, der immer wieder droht ausgehöhlt und entwertet zu werden, und stellt dem einen letztlich positiven Gegenentwurf entgegen. Mehr kann man von einem Roman vermutlich nicht verlangen.

Shownotes und Links:
Lucy Frickes Roman „Die Diplomatin“ beim Claassen Verlag (Ullstein)
Autorinnenseite von Lucy Fricke beim Claassen Verlag (Ullstein)
Hörbuch zu Lucy Frickes Roman „Die Diplomatin“ bei Hörbuch Hamburg
Heiko Maas: „‚Die Diplomatin‘: Im Dienst“ (Rezension in der ZEIT)
Fridtjof Küchemann: „Sturz ins Glück“ (Rezension zu Lucy Frickes Roman „Töchter“ in der FAZ)
Interview mit Lucy Fricke bei SWR2
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Blog zu „Auf ein Buch!“

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