Folge 58: Abbas Khiders Roman „Der Erinnerungsfälscher“

Abbas Khiders Roman „Der Erinnerungsfälscher“ (erschienen beim Hanser Verlag)

Said Al-Wahid ist vor vielen Jahren aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Mittlerweile ist er Schriftsteller und auf dem besten Weg sich als solcher einen Namen zu machen, als eines Tages sein Bruder aus Bagdad anruft: Saids Mutter liegt im Sterben. Also macht er sich auf den Weg in den Irak und sieht sich plötzlich mit Erinnerungen konfrontiert, die er lange unter Verschluss gehalten hat und bei denen er sich gar nicht mehr ganz sicher ist, ob sie überhaupt stimmen. Abbas Khider ist bekannt dafür, sich schweren Themen mit einer gewissen Leichtigkeit zu nähern. Wie ihm das in seinem neuen Roman Der Erinnerungsfälscher gelingt, erfahrt ihr bei mir im Podcast.

Die Podcast-Folge zu Abbas Khiders Roman „Der Erinnerungsfälscher“

In seinem neuen Roman gelingt es Abbas Khider noch einmal eine neue Perspektive auf die von ihm bearbeiteten Themen wie Identität, Flucht und Heimatlosigkeit zu werfen. Seine Figur Said ist wieder, das haben wir schon in anderen Romanen von Khider gesehen, eine Figur mit einem Hang zum Schreiben und zur Literatur, und er kommt aus dem Irak, ist von dort nach Deutschland geflohen, aber da enden auch schon die Gemeinsamkeiten mit anderen Protagonisten in Khiders Romanen.

Der zentrale Unterschied liegt vor allem in der Frage nach der eigenen Identität, die Der Erinnerungsfälscher wie kein anderer von Khiders Romanen aufmacht. Denn er stellt die Frage, wie sich eigentlich Identität herausbilden, sich formen kann, wenn die eigenen Erinnerungen, das selbst Erlebte überhaupt nicht zuverlässig und ohne offene Fragen rekonstruierbar ist.

Was tun, wenn das ganze Leben ein Trauma ist?

Denn das ist es, was Khiders Figur Said in Der Erinnerungsfälscher erlebt und das macht ihn unsicher und lässt ihn hinterfragen, wer er eigentlich ist und ob das, was er glaubt, erlebt zu haben, überhaupt gültig ist.

Eines Tages beschloss er, zum Arzt zu gehen. Der, bei dem er den frühesten Termin erhalten hatte, empfahl ihm nach einem zwanzigminütigen Gespräch, sich an ein „Behandlungszentrum für Folteropfer“ zu werden. […] Typisch, dachte Said. Wenn ein Migrant mit etwas kommt, das man in Deutschland nicht begreift, nennt man es „Trauma“. Was soll man tun, wenn das ganze Leben ein einziges Trauma ist?

Abbas Khider: „Der Erinnerungsfälscher“, S. 47

Darin steckt einerseits natürlich viel Kritik, wie gerade in Deutschland mit Geflüchteten umgegangen wird. Da gibt es viele Augen öffnende Szenen in diesem Roman, die die Absurdität und absolute Unmenschlichkeit und Starrheit des Behördenapparats aufzeigen, nicht, was man nicht schon wüsste oder zumindest ahnen kann, aber was zumindest wütend macht und offenlegt, wie unflexibel und voller Schubladendenken deutsche Bürokratie sein kann.

Die Tücken der Erinnerung

Gleichzeitig geht es aber bei diesen Erinnerungen auch darum, wie man mit dem Schrecken dessen, was man erlebt hat, fertig werden, damit umgehen kann. An einer Stelle im Roman bezeichnet Said das Gedächtnis als „Minenfeld“ und die Erinnerungen darin können einen, wie er sagt, in „Stücke reißen“. Daraus ergibt sich, dass es nur folgerichtig ist, wenn man gerade diese Erinnerungen meidet, sodass das Leben „schön und erträglich“ werden kann.

Für Said als Schriftsteller – und das gilt dann möglicherweise auch in gewisser Weise für Abbas Khider und dessen schriftstellerisches Wirken – folgt daraus die Konsequenz, dass das Schreiben nichts ist, was allein auf Erinnerungen basieren kann. Das ist eine Erkenntnis, die Said durch die Auseinandersetzung mit sich selbst erlangt und die ihn zu der sehr logischen Folgerung bringt, dass er als Schriftsteller dann eben die Teile seiner Erinnerungen, auf die er keinen oder nur eingeschränkten Zugriff hat, einfach erfinden muss. Genau an dieser Stelle kommt der Titel ins Spiel, der Erinnerungsfälscher ist nämlich derjenige, der aus unzusammenhängenden Einzelteilen ein kongruentes Ganzes macht, der aus Einzelepisoden eine Geschichte erzählt, sowie Khider hier in diesem Roman und so wie es Said mit seinem Leben tut.

Die Falle des Autobiografischen

Man darf jedoch nicht den Fehler machen, diesen Roman von Abbas Khider als rein autobiografischen Text zu lesen, gleiches gilt übrigens auch für seine anderen Romane. Natürlich haben sie alle autobiografische Anteile (Welche*r Autor*in könnte sich davon freisprechen?), aber dennoch würden diese den Blick auf die Themen und Inhalte dieses Romans sehr stark einengen und unnötig stark fokussieren.

Der Roman lebt aber gerade auch von seinen allgemeinen und außerhalb des Individuums liegenden Wahrheiten, und vielleicht ist gerade dieser Roman auch schon ein Schritt weg vom autofiktionalen Erzählen für Abbas Khider, denn auch das steckt ja schon metaphorisch im Titel, der ja eine Art Oxymoron ist: Die Erinnerung einerseits und die Fälschung, also das Erfundene, das Kreative, das Fiktionale, das jetzt neu dazukommt, andererseits. Man darf also gespannt sein, welche Schwerpunkte Khider in Zukunft mit seinen Romanen setzen wird und ob sich diese Tendenz möglicherweise bewahrheitet.

Schwere Themen mit Leichtigkeit erzählt

Was mir persönlich an Abbas Khiders Romanen immer sehr gut gefällt, und so ist das auch wieder bei Der Erinnerungsfälscher, ist die Tonalität seiner Texte, die sehr harte Themen und Inhalte verhandeln und die auch teilweise krasse Szenen zeigen, allerdings immer mit einer gewissen Leichtigkeit. Abbas Khider scheint ein sehr humorvoller Mensch zu sein, der auch im Schrecklichen noch das Witzige oder das Abstruse sehen kann, ohne dabei zynisch zu werden. Und das verbunden mit einem sehr genauen Blick auf Details und mit sehr genauen Beschreibungen von Szenen, von Menschen und von Gefühlen ergeben ein Gesamtbild, das ich woanders so noch nicht gelesen habe, das macht Abbas Khiders Stil einzigartig.

Abbas Khiders Roman Der Erinnerungsfälscher ist ein sehr kurzes Vergnügen, nur insgesamt knapp 130 Seiten stehen hier zu Buche. Der Text ist ein dichter, ein intensiver Roman, der sehr viel Stoff zum Nachdenken gibt und trotzdem leicht zu lesen und gut konsumierbar ist, eine Kombination, die absolut gelungen ist.

Shownotes und Links:
Abbas Khiders Roman „Der Erinnerungsfälscher“ beim Hanser Verlag
Autorenseite von Abbas Khider beim Hanser Verlag
Hörbuch zu Abbas Khiders Roman „Der Erinnerungsfälscher“ bei Hörbuch Hamburg
Abbas Khiders Webseite
Folge 3 zu Abbas Khiders Roman „Palast der Miserablen“
Patrick Süskinds Novelle „Die Taube“ beim Diogenes Verlag
Wikipedia-Eintrag zum Thema Erinnerungs(ver)fälschung
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Blog zu „Auf ein Buch!“

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