Folge 56: Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“

Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ (erschienen in einer Jubiläumsausgabe beim Hanser Verlag)

Zum 40-jährigen Jubiläum von Umberto Ecos Roman Der Name der Rose erscheint dieser in einer Neuauflage im Hanser Verlag. Grund genug für mich, mir diesen Roman noch mal vorzunehmen, denn dieses rätselhafte und umfassende Universalkunstwerk beinhaltet neben einer (eher klassischen) Kriminalhandlung jede Menge Querverweise auf die Welt der Religionsphilosophie, der Wissenschaftsgeschichte und des Mittelalters.

Ich habe mich für euch durch dieses knapp 800 Seiten lange Roman-Monster gekämpft und berichte in dieser Folge, ob sich der 40 Jahre junge Klassiker immer noch (oder noch einmal?) lohnt und verrate vielleicht sogar, was es eigentlich mit dem Titel auf sich hat.

Der Name der Rose spielt im Jahr 1327 in einem Benediktinerkloster in Norditalien, wo ein Treffen zwischen einer Delegation des Papstes Johannes XXII. sowie Mitgliedern des Franziskanerordens stattfinden soll, die unter dem Verdacht der Ketzerei stehen. Jedoch stehen diese Verhandlungen unter keinem guten Stern, denn in der Abtei hat es einen Mord gegeben. Der Franziskanermönch William von Baskerville und sein Adlatus Adson von Melk, der gleichzeitig auch der Ich-Erzähler der Geschichte ist, werden vom Abt gebeten, diesen Zwischenfall aufzuklären.

Die Podcast-Folge zu Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“

Ein klassischer Kriminalroman?

Zunächst sieht Der Name der Rose aus wie ein klassischer Kriminalroman. Die Hauptfiguren William und Adson wirken wie ein klassisches Ermittlerduo, zudem kann man schnell feststellen, dass es in den beiden Namen bereits Hinweise auf den wohl berühmtesten Ermittler der Literaturgeschichte gibt, nämlich Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle.

Williams Nachname Baskerville ist ein Verweis auf eine der berühmtesten Sherlock-Holmes-Geschichten, und zwar Der Hund von Baskerville bzw. im Original The Hound of the Baskervilles und auch in Adsons Namen, der wohl nicht zufällig eine gewisse Ähnlichkeit zu Sherlock Holmes Gefährten und Chronisten Watson aufweist, zeigen sich die Parallelen.

Der Name der Rose als historisches Panorama

Dazu ist Der Name der Rose natürlich auch ein historischer Roman, was sich aus dem Setting im Mittelalter ergibt. Hier kann Umberto Eco als Experte für das Mittelalter richtig auftrumpfen und es wird schnell deutlich, wie viel Liebe zum Detail in diesen Roman geflossen ist, etwa wenn es um die Auswahl der Bücher geht, die in der Geschichte immer wieder eine Rolle spielen, die Beschreibung der Lebensweisen der Mönche oder auch den Stand der Religionsphilosophie oder der Wissenschaft, die beide jeweils im Roman auch diskutiert werden.

Es ist ein ganz eigenes Panorama, das hier ensteht, dazu baut Eco auch verschiedene realhistorische Persönlichkeiten als Figuren in seinen Roman ein, zum Beispiel den Inquisitor Bernard Gui oder den Franziskaner-Mönch Ubertino von Casale, wobei es aber wohl so ist, dass die Figurenzeichnungen nicht immer historisch akkurat sind und auch nicht den Anspruch darauf erheben.

Dazu geht es in den langen Gesprächspassagen des Romans auch immer wieder um zeitgenössische religionsphilosophische Debatten, wie etwa den Streit um die Armut Christi, die Frage der Ketzerei und wo sie beginnt und endet oder der zugrunde liegende Streit zwischen Ludwig IV. und Papst Johannes XXII., in dem es vor allem um die Rolle des Franziskaner-Ordens geht: Für die eine Seite ist dieser ketzerisch, für die andere Seite nicht. Solche und andere historische Verweise geben dem Roman viel Atmosphäre und jede Menge Mittelalter-Authentizität.

Eine atmosphärischer Schauergeschichte

Schließlich ist Der Name der Rose auch noch ein Schauerroman, enthält er doch ziemlich viele auffällige Elemente dieser Romanform aus der schwarzen Romantik, wie zum Beispiel das düstere Setting in einer großen und übersichtlichen Abtei, die von allem abgeschottet irgendwo auf einem Berg gelegen ist. Dazu passieren in schöner Regelmäßigkeit mysteriöse Morde und es gibt ein Labyrinth in der Bibliothek, aus dem man so schnell nicht wieder herausfindet.

Natürlich begegnet William als Kontrast all diesen Dingen mit Scharfsinn und Rationalität, was die Schauer- und Gruselelemente alsbald immer wieder antithetisch auflöst, aber trotzdem verfehlen gerade diese Elemente ihre Wirkung nicht und es entsteht trotz Williams aufklärerischer Qualitäten eine sehr düstere und beklemmende Atmosphäre, die dazu auch direkt verbunden ist mit der Lebensweise der Mönche und ihrem besonderen Glaubenseifer, der geprägt ist von Angst, Schuld und Sünde und gerade diese Figuren haben alle noch mal besondere Eigenarten, Charakterzüge sowie Konfliktpotenziale untereinander, die für eine stetige Spannung sorgen.

Die postmoderne Genrevielfalt

Durch diese Genrevielfalt gilt Der Name der Rose als der Inbegriff des postmodernen Romans, einzig in der Sprache und der Erzähltechnik will sich das nicht so recht zeige. In dieser Hinsicht wirkt der Roman doch eher klassisch. Dafür macht er inhaltlich einige Themenfelder auf, denn die eigentliche Handlung wird immer wieder unterbrochen durch lange, eher philosophische Passagen, in denen es um bestimmte Fragen von Kirche, Religion, Glaube, Sünde usw. geht.

Die sind fraglos interessant, heben aber immer wieder den Krimi-Plot auf und rücken diesen in den Hintergrund und genau an diesen Stellen wird der Roman von Eco zu einem etwas unhandlichen Universalkunstwerk und man merkt die vielfältigen Interessen und Kenntnisse des Autors deutlich durchschimmern.

Gerade William ist als Figur beeinflusst von Vordenkern wie Thomas von Aquin, Roger Bacon  oder William von Ockham, die alle die Grundlagen für empirische Methoden in Philosophie und Wissenschaft legten und die dadurch den christlichen Theologen und der christlichen Mystik gegenüberstehen, die im Roman natürlich durch die Mönchen und die Abtei einerseits, andererseits aber auch durch die Texte, die diese rezipieren – ein Großteil des Romans spielt in der Bibliothek – repräsentiert werden. So ergibt sich für Leserinnen und Leser ein beeindruckendes intertextuelles Panorama, das dem Roman viel Tiefgang bietet, das man aber auch durchaus ignorieren kann.

Ein rätselhafter Roman wie ein Labyrinth

Der Name der Rose ist insgesamt ein Rätsel und die Rätselhaftigkeit findet auch Ausdruck in dem Motiv des Labyrinths, das immer wieder auftaucht an unterschiedlichen Stellen. Da ist etwa die Bibliothek der Abtei ein Labyrinth im ganz wörtliche Sinne, die Welt und die Zeit in der der Roman spielt ist ebenfalls unübersichtlich und verworren, wie ein Labyrinth eben, und auch der Plot, also die vordergründige Kriminalhandlung, ist verflochten und ineinander verdreht, mit vielen falschen Fährten und falschen Clues, die einen immer wieder in die Irre führen.

Auch formal ist der Roman ein Buch im Buch im Buch, denn die eigentlich Erzählung hat noch eine Rahmenhandlung, in der der vermeintliche Autor berichtet, dass er die Erzählung auf einer Abschrift einer Abschrift eines mittelalterlichen Manuskripts aufgebaut habe. Und schließlich geht es um die Macht des Wissens, was das Kernthema oder die Kernfrage des Romans ist, nämlich ob dieses Wissen allen zugänglich sein sollte oder einzelnen Auserwählten vorbehalten werden muss, um die Allgemeinheit zu schützen.

Shownotes und Links:
Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ beim Hanser Verlag
Autorenseite von Umberto Eco beim Hanser Verlag
Hörbuch zu Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ bei Der Hörverlag
Hörspiel zu Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ in der ARD Audiothek
Verfilmung von Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ bei IMDB
TV-Miniserie zu Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ bei Amazon
„Auf ein Buch!“ zu Gast in „Ludos Literatursalon“ (YouTube)
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Blog zu „Auf ein Buch!“

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