Folge 53: Maxim Leos Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“

Maxim Leos Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ (erschienen bei Kiepenheuer & Witsch)

Im Juli 1983 fährt eine mit 127 Menschen besetzte S-Bahn unbehelligt vom Berliner Bahnhof Friedrichstraße in den Westen. Verantwortlich für eine der größten Massenfluchten der DDR-Historie soll der Reichsbahner Michael Hartung gewesen sein. Angeblich wurde dieser über zwei Monate dazu verhört und gefoltert, schwieg jedoch beharrlich. Zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls gräbt der Journalist Landmann diese Story in den Stasi-Akten aus und wittert den großen journalistischen Coup.

Das Problem: Die Geschichte ist so nie passiert und Michael Hartung ist kein Held, sondern bestenfalls ein nachlässiger (und etwas fauler) Bahnangestellter. Gemeinsam entschließen sich der Videothekbesitzer und der Medienmacher, mit einer stark optimierten Version der Wahrheit an die Öffentlichkeit zu gehen, die jedoch schon bald zu einer großen Bürde zu werden droht.

Maxim Leo stellt die erfundene Fluchtgeschichte an den Anfang seines neuen Romans Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße und blickt satirisch auf Geschichte und Geschichtsschreibung, die Macht der Medien und die Interessen der Politik. Mehr zu diesem sehr lesenswerten Roman erfahrt ihr in dieser Folge.

Der Roman selbst spielt viel später, genauer rund um das 30. Jubiläum des Mauerfalls im Jahr 2019. Michael Hartung arbeitet mittlerweile in einer Videothek und er bekommt eines Tages Besuch von dem Journalisten Landmann, der überzeugt ist, er hätte in Michael Hartung denjenigen gefunden, der eine der größten Massenfluchten aus der DDR mitgeplant, organisiert und durchgeführt habe.

Die Podcast-Folge zu Maxim Leos Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“

Laut Stasi-Akten wurde Michael Hartung zwei Monate lang inhaftiert und gefoltert, doch er schwieg und man konnte ihm letztlich nichts nachweisen. Hartung weiß zunächst gar nicht, wie ihm geschieht, denn so ist die Geschichte überhaupt nicht passiert, die Weiche hat er zwar verstellt, allerdings nicht aus freien Stücken, sondern auf Befehl. Dazu brach er bei der Umstellung einen Bolzen ab und war zu träge diesen zu reparieren, sodass die erste S-Bahn am nächsten Morgen in den Westen fuhr. Aber bevor er sich versehen kann, ist die alternative Geschichte auch schon in der Welt und diese, allen voran die Medien, stürzen sich begeistert auf diese ostdeutsche Mediensensation.

Michael Hartung verliert die Kontrolle

Mit der Zeit nimmt Hartungs Heldenepos aber Überhand und er ergreift die Kontrolle über Hartungs Leben. Er merkt, wie es ihm zunehmend schwerer fällt, bei der Unwahrheit zu bleiben. Das liegt unter anderem daran, dass er eine Frau kennenlernt, die 1983 in dem Zug nach West-Berlin saß und in die er sich verliebt. Dazu kommt, dass er wieder Kontakt zu seiner Tochter hat, zu der er über lange Jahre ein sehr distanziertes Verhältnis hatte. Gleichzeitig gibt es verschiedene Parteien, die stark daran interessiert sind, dass Hartung bei seiner Geschichte bleibt, allen voran Landmann, der um seine Karriere und sein Ansehen fürchtet, denn er hat als Journalist ebenfalls immens profitiert. Zum allem Überflüss gibt es erste Zweifler, die sich auf den Weg machen, den Betrüger Hartung zu entlarven.

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße: Eine klassische Satire

Das Hauptaugenmerk von Maxim Leos Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße ist nicht die Spannung, von der der Roman durchaus lebt, sondern vielmehr ist dieser Roman eine klassische Satire, die mit viel Humor, Witz und überzeichneten Figuren arbeitet. Diese werden dadurch jedoch keineswegs unglaubwürdig, im Gegenteil, man kauft Maxim Leo die Geschichte jederzeit ab und das hat viel damit zu tun, dass wir alle innerlich genau wissen, wie Medien funktionieren und wie verklärend wir mit der Geschichte umgehen.

Ein erstes Ziel dieser Satire ist die Geschichtsschreibung und die öffentliche Auseinandersetzung mit Geschichte. Maxim Leo zeigt in seinem Roman deutlich auf, wie Geschichte funktioniert, wie vor allem deutsche Geschichte funktioniert und wie immer wieder ähnliche Narrative, ähnliche Erzählungen bedient werden, sodass eine differenzierte Darstellung kaum mehr möglich ist.

Der Roman als Kritik an verklärender Geschichtserzählung

Leo hat in einem Interview dazu gesagt, dass er sich vor allem an der oft undifferenzierten Darstellung des Lebens in der DDR stört bzw. daran, dass das eigentliche, das alltägliche Leben in der DDR mitunter gar nicht zum Thema gemacht wird, sondern es im öffentlichen Diskurs vor allem darum geht, Gut und Böse auf ein Podest zu stellen, also die böse Stasi auf der einen Seite und die Akteure des Widerstands auf der anderen Seite, die natürlich ausschließlich Helden sind.

Er beklagt damit das Fehlen von Graustufen, das Auslassen von Zwischentönen und das ist genau das, was dieser Roman aufgreift und zu seinem Thema macht. Denn dieser Michael Hartung ist keineswegs ein Held, er ist eine Figur mit wenig Ambition, mit wenig Drive, einer, der mit Projektionen überladen wird, mit Zuschreibungen und Erzählungen, gegen die er sich, einerseits aufgrund seiner Persönlichkeit, die eben gekennzeichnet ist von einer Schlaffheit, einer Müdigkeit und von Indifferenz, andererseits aber auch aufgrund der Tatsache, dass ihn der Ruhm reizt und er – ganz Pragmatiker, der er ist – das Geld braucht, nicht zur Wehr setzt.

Es sind an vielen Stellen im Roman die anderen Figuren, die ihm ein bestimmtes Narrativ überstülpen, je nach Eigeninteresse. Spannend ist, dass Hartung selbst gar nicht viel sagt oder sagen muss, sondern dass vielmehr andere etwas in ihn hineinprojezieren oder in seine Aussagen hineininterpretieren. Hartungs Schuld – wenn man überhaupt von Schuld sprechen kann – liegt dann darin, eben diesen Projektionen und Deutungen nicht zu widersprechen.

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße als Mediensatire

Die Medien sind das zweite Opfer von Maxim Leos Satire, allen voran der Journalist Landmann, der zwar nicht ausschließlich ein Täter ist, sondern der vor allem daran interessiert ist, eine gute Story zu finden und den die Lawine des öffentlichen Interesses ebenso überfordert und schließlich überrollt wie Hartung. Landmann ist dann letztlich der, der immer besessener wird und der getrieben ist von dem Ziel, dass die Lüge, die die beiden der Öffentlichkeit erzählen, nicht ans Tageslicht kommt und das macht ihn eben doch zu einer antagonistischen Figur.

Für Hartung wird die Komplizenschaft mit Landmann nämlich mehr und mehr zu einer Belastung, weil dieser eher dazu tendiert, die Lüge einzugestehen und nicht mehr damit weiterzumachen, weil er merkt, welche Kreise das zieht und weil er im Grunde ein Mensch ist, der niemandem etwas Böses will.

Bei der Darstellung des Medienapparats entfaltet der Roman seine besonderen Stärken, etwa wenn Michael Hartung in einer Talkshow seine Geschichte erzählen soll, während Katharina Witt als eine Art Maskottchen der DDR-Zeit neben ihm sitzt und die Moderatorin immer wieder Hartung Wörter in den Mund legt und ihn dadurch – in Komplizenschaft mit dem Publikum, das einfach eine emotionale und ergreifende Heldengeschichte hören will – animiert, seine Erzählung immer weiter zu spinnen und neue Aspekte hinzuzudichten, die dann wiederum natürlich von allen Seite wiederrum dankbar aufgegriffen werden.

Mehr Platz für Maxim Leo im Bücherregal!

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße ist erzählerisch und sprachlich sehr gut verpackt, das Erzähltempo ist sehr hoch, die Figuren sind trotz der Überzeichnungen und gerade die Dialoge beinhalten eine Menge Witz und Charme, was alles nicht heißen soll, dass der Roman nicht auch seine ernsthaften Passagen hätte, die Kombination macht es aus. Als Leser*in kommt man ins Nachdenken über das eigene Bild von Geschichte und vor allem von DDR-Geschichte und man reflektiert auch die Macht der Medien.

Und das alles während einem eine sogartige Geschichte erzählt wird, die man nicht so einfach beiseite legen kann: Wirklich großes literarisches Kino, es wäre schade, wenn man dem Held vom Bahnhof Friedrichstraße einen Platz im Bücherregal verwehren würde – nachdem man es gelesen hat, versteht sich.

Hinweis: Für die Erstellung dieser Folge wurde mir vom Verlag Kiepenheuer & Witsch ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Shownotes und Links:
Maxim Leos Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ beim Verlag Kiepenheuer & Witsch
Autorenseite zu Maxim Leo beim Verlag Kiepenheuer & Witsch
Das Hörbuch zu Maxim Leos Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ beim Argon Verlag
Folge 1 zu Lutz Seilers Roman „Stern 111“
Folge 32 zu Till Raethers Roman „Treue Seelen“
„Auf ein Buch!“ zu Gast in „Ludos Literatursalon“ (YouTube)
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Blog zu „Auf ein Buch!“

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