Folge 51: Christa Wolfs Roman „Kassandra“

Christa Wolfs Roman „Kassandra“ (hier in der broschierten Ausgabe vom Suhrkamp Verlag)

Die Zeit der Belagerung von Troja: Die Seherin Kassandra steckt in einem Dilemma. Zwar kennt sie die Zukunft und sieht, wie sich das Schicksal ihrer Heimatstadt vor ihrem geistigen Auge entfaltet, doch wegen eines Fluchs schenkt ihr niemand Glauben. Dazu wird gerade das Matriarchat abgelöst durch eine Gruppe äußerst brutaler und kriegstreiberischer Männer. Kassandra muss lernen, mit der Situation umzugehen und sie entwickelt sich schrittweise zu einer Frau, die kritisch denkt und ihr „Bild von sich selbst änder[t]“, um so zu Autonomie und Selbstbestimmung zurückzufinden.

Wer war Christa Wolf?

Christa Wolf ist Jahrgang 1929, geboren wurde sie in Landsberg an der Warthe im heutigen Polen, sie starb im Dezember 2011 in Berlin und sie zählt zu den bekanntesten und einflussreichten Schriftstellerinnen der DDR. Nach Ende des zweiten Weltkriegs flohen Christa Wolf und ihre Familie vor der Roten Armee nach Mecklenburg, wo sie sich eine neue Existenz aufbauten. Wolf fand eine Anstellung als Schreibkraft beim Bürgermeister eines kleinen Dorfes bei Schwerin und trat 1949 in die SED ein und blieb Parteimitglied bis Juni 1989. Wolf studierte Germanistik und schrieb ihre Diplomarbeit über Hans Fallada bei dem berühmten Literaturwissenschaftler Hans Mayer.

Der geteilte Himmel

Christa Wolf arbeitete in der Folge bei verschiedenen Schriftstellerverbänden und Verlagen, bis sie sich Anfang der 1960er Jahre als freie Schriftstellerin sozusagen selbstständig machte. 1963 erschien dann ihr erster großer literarischer Erfolg mit der Erzählung Der geteilte Himmel, in dem sie am Beispiel der Liebesbeziehung zwischen der neunzehnjährigen Rita Seidel und dem Chemiker Manfred Herrfurth verschiedene kontroverse Themen der Zeit aufgreift, wie etwa das Leben in einem sozialistischen Staat, den Bau der Mauer 1961, aber auch Selbstmord und Flucht spielen eine Rolle.

Dies führte dazu, dass sie für ihren Roman von Seiten des DDR-Regimes sehr kritisiert wurde. So wurde zum Beispiel bemängelt, dass es in dem Der geteilte Himmel keine makellosen sozialistischen Helden gebe oder dass der Klassenkampf nicht zum Thema gemacht und die SED für ihre innovative Kraft nicht ausreichend gewürdigt werde. Trotzdem wurde ihr Roman nicht Opfer der Zensur und wurde im In- und Ausland zu einem beachtlichen Erfolg.

Zwischen Zensur und Gefängnis: Das Leben als Schriftstellerin in der DDR

Dazu muss man wissen, dass das Leben als Schriftstellerin oder Schriftsteller in der DDR durchaus nicht einfach war, denn man hatte ständig mit Repressalien von Staatsseite zu rechnen und es gibt natürlich zahlreiche Beispiele, die zeigen, was passiert, wenn man als Künstlerin oder Künstler der DDR ein Dorn im Auge war. Der Liedermacher Wolf Biermann zum Beispiel wurde 1976 ausgebürgert, andere Autoren wie etwa Stefan Heym bekamen Geldstrafen, in vielen Fällen wurde zensiert oder es wurden bestimmte Werke schlicht nicht veröffentlicht, manche Autorinnen und Autoren kamen sogar ins Gefängnis.

Christa Wolf hatte selbst immer wieder unter den Gängeleien zu leiden. Ihr 1968 in Westdeutschland erschienener Roman Nachdenken über Christa T. etwa wurde als staatsgefährdend eingestuft, weil die Geschichte eines Frauenlebens in der DDR zu sozialkritisch und vor allem zu subjektiv sei. Gerade deshalb wurde der Roman wohl im Ausland ein so großer Erfolg und Christa Wolf verkaufte dort bis in die 80er Jahre hinein mehr als 250.000 Exemplare.

Großer internationaler Erfolg

Trotz allem hatte Christa Wolf aufgrund ihres internationalen Erfolgs und ihrer andauernden Parteimitgliedschaft einen gewissen Sonderstatus inne: Sie gehörte zum Beispiel zum Reisekader, d.h. sie konnte ins Ausland reisen und dort Lesungen oder Vorträge halten. Berühmt sind in diesem Zusammenhang vor allem ihre Poetik-Vorlesungen in Frankfurt 1982, in denen sie Einblicke in die Entstehungsgeschichte ihres Romans Kassandra gab und die unter dem Titel Voraussetzungen einer Erzählung in Buchform erschienen und die – wie ich jetzt selbst feststellen konnte – hilfreich sind für das Verständnis bzw. für den Zugang zu diesem Text.

Neben Kassandra, der Roman erschien 1983, veröffentlichte Christa Wolf zahlreiche weitere Romane und Erzählungen, wie etwa Was bleibt, Medea. Stimmen oder Stadt der Engel, dazu verschiedene Sammelbände mit Essays, Briefen und Gesprächen sowie Hörspiele und Filme.

Nach der Wende, also zu Beginn der 1990er Jahre, gab es einige öffentliche Kontroversen um Christa Wolf, die v.a. natürlich mit ihrer Vergangenheit in der DDR zu tun hatten. So wurde etwa kritisiert, Wolf habe das DDR-Regime in ihrem Werk nicht ausreichend kritisch betrachtet. Zudem wurde bekannt, dass sie von 1959 bis 1962 als IM Margarete für die Stasi tätig war. Dazu muss man allerdings wissen, dass das nur eine sehr geringfügige Tätigkeit war und Christa Wolf die Personen, über die sie Auskunft gab, in einem sehr positiven Licht darstellte und gleichzeitig ja selbst auch von der Stasi überwacht wurde.

Auf der anderen Seite wurde aber eben auch ihre besondere Bedeutung als Repräsentantin ostdeutscher Literatur hervorgehoben und das ist auch bis heute die vorherrschende Wahrnehmung von Christa Wolf.

Christa Wolf im Gespräch mit Günter Gaus (YouTube)

2002 wurde Christa Wolf dann mit dem Deutschen Bücherpreis geehrt und in dem Zusammenhang wurde von der Jury besonders hervorgehoben, dass sie sich immer „mutig in die großen Debatten der DDR und des wiedervereinigten Deutschlands eingemischt“ habe.

Christa Wolfs Roman Kassandra: Der mythologische Hintergrund

Hintergrund der Geschichte um die Priesterin Kassandra ist der Trojanische Krieg. Der Auslöser dafür war bekanntlich die Entführung der schönen Helena durch den Trojaner Paris, woraufhin die Griechen gegen Troja ziehen, um die Tat zu rächen. Die Belagerung bleibt jedoch lange erfolglso und so greifen sie zu einer List: Sie bauen ein riesiges hölzernes Pferd, das sie vor die Stadt stellen und anschließend so tun, als würden sie sich geschlagen geben und sich zurückziehen.

Die Trojaner holen das Pferd in die Stadt und besiegeln damit ihren Untergang, denn nachts steigen griechische Soldaten aus dem Pferd und erobern in der Folge Troja. Kassandra kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, denn sie ist einerseits die Tochter des trojanischen Königs Priamos und gleichzeitig eine Seherin und warnt in dieser Funktion ihre Landsleute vor dem Pferd, doch sie wird nicht gehört. Das ist einer ihrer Grundkonflikte, sie hat die Seherinnengabe, jedoch wurde sie von dem Gott Apoll verflucht, sodass keiner ihren Prophezeiungen Glauben schenkt. In der Folge flüchtet Kassandra in den Tempel, wo sie vergewaltigt wird und anschließend von Agamemnon, dem Heerführer der Griechen, gefangen genommen und in dessen Heimatland verschleppt wird.

Und genau an diesem Punkt beginnt auch Christa Wolfs Erzählung, die bis auf wenig kurze Stellen am Anfang und am Ende vollständig aus der Ich-Perspektive Kassandras erzählt wird. Der Text ist eigentlich ein großer innerer Monolog und weist damit auch die Eigenarten und Besonderheiten eines solchen auf. Kassandra weiß auf jeden Fall zu Beginn schon, dass ihr Tod kurz bevorsteht und sie reflektiert in dieser Situation ihr Leben, von der Vorkriegszeit über die Belagerung Trojas bis zur Zeit nach dem Krieg. Sie erzählt alles in einzelnen ungeordneten Episoden, so zum Beispiel die Ermordung ihres Bruders Troilos durch Achill, dazu ganz allgemein über den Krieg und die vielen strategischen Überlegungen sowie schließlich auch über die Zerstörung Trojas.

Kassandra als Entwicklungsgeschichte

Kassandra ist durch ihre Gabe einerseits und durch den ihr auferlegten Fluch andererseits eine überaus interessante literarische Figur, denn genau die Tatsache, dass ihren Prophezeiungen niemand Glauben schenkt, fügt sie in eine Art Sonderrolle, die natürlich geprägt ist von Frustration, aber aber auch eine spezifische Form der Reflexion der Geschehnisse erlaubt.

Zudem ist die Geschichte von Kassandra auch eine Entwicklungsgeschichte, denn sie muss im Verlaufe ihres Lebens lernen „zu sehen“ und mit der Tatsache zurechtkommen, dass ihre Prophezeiungen letztlich immer folgenlos bleiben. Dazu muss sie erkennen, dass es in ihrer Welt eine Menge Widersprüche gibt und dass keine klare Trennung von Gut und Böse existiert. Und dieser Weg zu einer gewissen Autonomie verläuft über verschiedene Stationen, die allesamt im Roman nachgezeichnet werden und am Ende dann ein sehr schlüssiges Bild ergeben.

Die feministische Lesart

Christa Wolf setzt sich in ihrer Figur Kassandra zunächst mit der Situation von Frauen ganz allgemein auseinander, was auch der Grund dafür ist, warum es vielfältige feministische Lesarten von diesem Text gibt. Christa Wolf sagte selbst in einem Interview mit Günter Gaus selbst dazu, dass sie gut nachvollziehen kann, warum ihr Text so verstanden wird, aber das sie hofft, dass man ihren Roman nicht nur auf diesen Aspekt reduziert, sondern auch die übergeordneten Zusammenhänge und die Zeitkommentare, die v.a. politischer Natur sind, nicht außer Acht lässt.

In ihrer Poetik-Vorlesung legt sie dennoch selbst die Grundlagen für eine feministische Interpretation: „In Kassandra ist eine der ersten Frauengestalten überliefert, deren Schicksal vorformt, was dann, dreitausend Jahre lang, den Frauen  geschehen soll: dass sie zum Objekt gemacht werden.“ Ausgangspunkt der Kassandra-Erzählung ist zudem eine zentrale machtpolitische Veränderung in Troja, nämlich der Übergang von Matriarchat zum Patriarchat und die Männer, die nun Entscheidungen treffen, allen voran der König und Kassandras Vater Priamos, machen dabei keine sonderlich überzeugende Figur, denn sie verharren allesamt stur in vordefinierten und unbeweglichen Verhaltensmustern.

Die Podcast-Folge zu Christa Wolfs Roman „Kassandra“ bei YouTube

Nach einer Episode des Wahnsinns und der Verzweiflung beginnt Kassandra die Machtstrukturen zu durchschauen und zu verstehen, dass es an ihr ist, zu kritisieren und eine Meinung zu vertreten, aber genau da greift wieder ihr zentrales Dilemma, denn niemand wird ihr Glauben schenken oder auf sie hören. Dazu kommt, dass der Grund für den Krieg, die schöne Helena, gar nicht in Troja ist, was Kassandra versucht ihrem Vater mitzuteilen, doch dieser erhört sie nicht und hängt stur und unflexibel an dem Krieg fest.

Mehr und mehr wendet sich Kassandra innerlich gegen ihre eigenen Landsleute und wird zunehmend aber auch selbstkritisch dabei und sie erkennt, dass sie auf sich allein gestellt ist, selbst die Götter stellen keine Unterstützung dar. Auch gesteht sie sich ein, dass sie selbst nach Macht strebte, als sie zur Priesterin wurde und es kommt so in der Folge zur einer Überwerfung mit ihrer Familie.

Differenzierte Patriarchatskritik

Diese Patriarchatskritik ist aber keinesfalls absolut, sondern äußerst differenziert, das wird zum Beispiel deutlich, wenn einerseits der griechische Held Achill als brutaler Schlächter dargestellt wird, andererseits aber die Amazonen unter der Führung von Penthesilea in ein kritisches Licht gerückt werden. Kassandra bezeichnet Achill grundsätzlich nur als „Achill das Vieh“, der alle Normen und Wertesystem ignoriert und sämtliche Regeln missachtet. Achill selbst sieht sich als großen Held und inszeniert sich auch als solcher, ist aber trotzdem eine ambivalente Figur, da er seine eigene Homosexualität zu verbergen sucht und nur widerwillig in den Krieg zieht.

https://youtu.be/ThmoFOhtwLI

Penthesilea und ihre „Frauenschar“ sind ebenso brutal und gewaltbereit wie die männlichen Krieger. Penthesilea selbst richtet ihre Wut pauschal gegen alle Männer und sie sinnt auf Rache am männlichen Geschlecht, was Kassandra abstoßend findet. Ein passabler Gegenentwurf zu der kriegerischen Realität besteht allenfalls in der utopischen Gegenwelt, eine Gesellschaft, die sich am Fluss Skamander gebildet hat und deren zentrale Figur der politische Aussteiger Anchises ist, der gleichzeitig der Vater von Kassandras Liebhaber Aineias ist. Anchises leitet Kassandra an und unterrichtet sie in den politischen Zusammenhängen und er lebt zurückgezogen ein Leben im Einklang mit der Natur in echter Harmonie trotz der widrigen Umstände in der Außenwelt. Mit dieser Alternativgesellschaft zeigt Christa Wolf eine ideale Version des Matriarchats, die geprägt ist von Kreativität, von Miteinander, von Humor, von Weisheit, und die sich gegen Vorurteile wendet und Gleichheit unter den Menschen fordert.

Eine Parabel auf das Leben in der DDR?

Natürlich lässt sich Christa Wolfs Kassandra auch als Parabel auf das Leben und auf die Situation der Frau in der DDR übertragen. Auch das Wettrüsten des Kalten Krieges wird thematisiert, hier in Form der sich gegenüberstehenden Kriegsmächte Troja und Griechenland. In diesem Zusammenhang kann man natürlich auch die Kritik an männlich dominierter Machtpolitik verstehen, die sowohl in der geschichtlichen Realität wie auch im Roman Ausdruck findet.

Letztlich plädiert Wolf mit ihrem Text für gesellschaftliche Alternativen, die von Frauen maßgeblich geprägt werden, in der Männer aber natürlich nicht ausgeschlossen sind. Kernidee ist vielmehr ein Miteinander, ein Geben und Nehmen zwischen Mann und Frau, das geprägt ist von Natur und natürlichen Prinzipien und nicht von artifiziellen Strukturen oder unreflektiertem Machtgehabe.

Shownotes und Links:
Christa Wolfs Roman „Kassandra“ beim Suhrkamp Verlag
Autorinnen Seite von Christa Wolf beim Suhrkamp Verlag
Webseite der Christa Wolf Gesellschaft
Gespräch zwischen Günter Gaus und Christa Wolf (YouTube)
Folge 45: Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“
„Auf ein Buch!“ bei Spotify
„Auf ein Buch!“ bei Instagram
Blog zu „Auf ein Buch!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.