Folge 42: Dave Eggers‘ Roman „Every“

Dave Eggers‘ Roman „Every“ (in der Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann erschienen bei Kiepenheuer & Witsch)

Dave Eggers landete 2013/2014 mit der dystopischen Erzählung Der Circle einen internationalen Bestseller. Jetzt ist der Nachfolger Every erschienen und darin begegnen wir wieder der Protagonistin Mae Holland, die mittlerweile zum CEO eines Tech-Super-Unternehmens mit dem Namen The Every geworden ist, nachdem The Circle den größten Online-Versandhändler (der nach einem Fluss in Südamerika benannt ist – zwinker, zwinker) geschluckt hat.

Dieses Mal schickt sich die Tech-Skeptikerin und ehemalige Nationalpark-Rangerin Delaney Wells als Protgaonistin zusammen mit ihrem guten Freund Wes Kavakian an, das übermächtige Unternehmen von Innen zu zerstören. Delaney und Wes versuchen mit immer abstruseren App-Ideen einen öffentlichen Widerstand gegen The Every zu formieren, der jedoch ausbleibt. Denn die Menschen feiern jede noch so absurde Einschränkung ihrer Privatsphäre, ihrer Selbstbestimmung und ihrer Individualität.

Was Dave Eggers‘ neuer Roman Every richtig, richtig gut macht, ist, mir als Leser eine Zukunft zu zeigen, die einfach beängstigend ist. Die Art und Weise wie Eggers seine Ideen aufzeigt, ist stringent und ergibt sich folgerichtig aus alldem, was wir heute im Social Web bereits in Ansätzen sehen und tagtäglich erleben können.

Eine Welt der maximalen Offenheit und Transparenz

So zum Beispiel wenn Every eine Feedback-App auf den Markt bringt, die es den Menschen ermöglicht, andere für ihr Verhalten zu loben – oder wie es in Every-Sprech heißt zu „liken“ bzw. zu beschämen, also zu „shamen“. Denn in der Welt von Every überträgt ohnehin jeder seine Aktivitäten ständig ins Netz, als Bild, als Text oder gleich als Video. Oder man wird bei dem, was man tut, von anderen gefilmt oder man sendet einfach gleich das eigene Leben per Bodycam live ins Netz, 24 Stunden am Tag, absolut transparent und nachhaltig abrufbar. Man hat ja schließlich nichts zu verbergen.

Delaney und Wes versuchen, die Menschen gegen Every aufzubringen und erdenken eine App namens Authenti-Friend, die anhand eines komplexen Algorithmus bei einem Gespräch mit einer anderen Person herausfinden kann, wie wahrheitsgetreu dessen Aussagen sind. Dieser Authentizitätswert wird dann in einer vergleichbaren Zahl komprimiert und macht Aufrichtigkeit somit quantifizierbar. Daran ist die Gesellschaft in Every bereits gewöhnt, denn hier wird alles in Zahlen gepresst, seien es Gesundheitswerte, Arbeitsleistung oder Schönheit. Doch die Masse rebelliert nicht, im Gegenteil: Sie ist wieder einmal begeistert.

Highscores und öffentlicher Exhibitionismus

Gemeinsam haben alle diese Ideen, dass sie insgesamt an der Oberfläche das Gute wollen, aber letztendlich die Menschen einschränken. Und obwohl diese Menschen immer weiter beschränkt, immer mehr überwacht werden, freuen sie sich auf die jeweils nächste Perversion aus der Ideenschmiede von Every, fallen dankbar wie religiöse Fanatiker*innen über die App-Stores her und brüsken sich mit ihren Highscores und ihren Sternstunden des öffentlichen Exhibitionismus.

In Every lassen sich die Menschen zunehmend ihre Entscheidungskompetenz durch Apps abnehmen. Was daraus entsteht, ist eine Meinungsdiktatur der KI, der Algorithmus hat dem Menschen das Denken abgenommen, die Individualität ist der Preis dafür. Die Folge ist eine Art von Oberflächlichkeit, die nur schwer zu ertragen ist und die im Roman immer wieder satirisch pointiert auf die Spitze getrieben wird, etwa wenn sich die Algorithmen von Every in Sphären vorwagen, die sie bisher noch nicht erobert haben, nämlich die Bewertung von Kreativität, von Schönheit oder gar von Wahrheit.

Ein dystopischer Roman von erschreckender Aktualität

Und hier schafft Eggers Roman gerade durch seinen etwas lakonischen Ton eine beängstigend dystopische Atmosphäre, auch wenn an der Oberfläche von Every alles geradlinig, clean und argumentativ sauber bleibt, unter dieser Oberfläche brodelt es gewaltig.

Hier zeigt sich generell auch die Kraft von dystopischer Literatur allgemein, die uns einen Spiegel vorhalten kann, die uns im Grund ja unsere Gegenwart zeigt bzw. unsere Gegenwart, wie sie sein könnte, wenn wir nicht besser auf sie achten. Dystopien sind eine Warnung und sie liefern eine Menge Stoff zum Nachdenken über das Menschsein und gerade das gelingt Eggers mit seinem Roman ausgezeichnet.

Insbesondere auch die kürzlichen Enthüllungen des Wall Street Journal und der Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen sowie die Entstehung von Social-Credit-Systemen in China unterstreichen, wie erschreckend nah Eggers‘ Vision eigentlich an unserer Realität bereits ist.

Dave Eggers‘ Every: Auch ein guter Roman?

Doch so gut Eggers‘ Every als Ideenroman funktioniert, so schlecht funktioniert er als literarisches Werk und das merkt man an allen Ecken und Enden.

Vor allem die Figuren bleiben ziemlich konturlos, allen voran Delaney, die zwar als Abziehbild einer Spionin oder Undercover-Agentin funktioniert, mehr aber auch nicht. Über ihre Hintergründe erfährt man im gesamten Text wenig, obwohl gerade das doch so wichtig wäre, um nachvollziehen zu können, was sie antreibt, was sie bewegt und was sie letztlich dazu bringt, den Plan zu fassen, dieses gesichtslose Tech-Unternehmen von innen heraus aushöhlen zu wollen.

Ihre Idee, diesen übermächtigen Großkonzern zerschlagen zu können, indem sie sich immer verrücktere Ideen für Apps ausdenkt, die die Freiheit des Einzelnen immer weiter einschränken und gleichzeitig ironischerweise die Macht und den Einflussbereich des Tech-Giganten mehr und mehr ausdehnt, ist im Grunde gut, erlaubt sie doch, in das geheime Innerste dieses Konzerns vorzudringen. Aber ist sie nicht auch fürchterlich naiv?

Ist nicht gerade dieser Plan sowieso zu Scheitern verurteilt? Sich anzumaßen, sich gegen ein Unternehmen zu stellen, das die Menschen jederzeit trackt, das sich anschickt, alles über seine Nutzer*innen zu wissen, jeden ihrer Schritte minutiös zu überwachen? So nötig es für die Erzählung und vermutlich auch für unsere Wirklichkeit scheint, so unrealistisch ist es dann am Ende doch. Und so wenig gelingt es Eggers, diese Widersprüche in seinem Roman nachvollziehbar aufzulösen.

Die Sache mit dem Ende

Und dann wäre da noch das Ende, das hier natürlich nicht verraten wird, aber zu dem man nur frustriert sagen kann: „Lieber Dave, was hast du dir denn bitte dabei gedacht?“

Das Ende negiert im Prinzip alles, was vorher in mühevoller und detaillierter Kleinstarbeit erzählerisch präsentiert worden ist. Noch nicht mal so richtig offen ist es, sodass man sich ernüchtet fragen muss: Warum hat mir dieses Buch gerade über 550 Seiten die Geschichte von dieser Figur eigentlich erzählt? Denn letztlich ist das alles völlig irrelevant. Selbst wenn man voraussetzen würde, dass hierin die Aussageabsicht des Romans liegt, also dass alles in dieser dystopischen Welt nur schlimmer werden kann und nicht besser, selbst dann wird hier eine so harte Linie gezogen, die sich auch überhaupt nicht ansatzweise aus dem ergibt, was vorher erzählt wird.

Auch wenn ich normalerweise nicht so radikal kritisch bin, muss ich es hier sein, denn für mich gibt es da keine zwei Meinungen, kein sowohl als auch, keine Abwägung, dieses Romanende ist einfach schlecht gemacht, und zwar dramaturgisch schlecht gemacht und vor allem auch erzählerisch schlecht gemacht.

Trotzdem lesen?

Dave Eggers‘ neuer Roman ist ein solides Stück Handwerk – abgesehen vom Ende. Er funktioniert hervorragend als Ideenroman, als Erzählung taugt er nur sehr bedingt. Aber gerade die Ideen und Gedanken zu unserer Existenz im Social Web sollte man sich nicht entgehen lassen, schade eigentlich, dass Eggers daraus kein Sachbuch gemacht hat.

Hinweis: Für die Erstellung dieser Folge wurde mir vom Verlag Kiepenheuer & Witsch ein Rezensionsexemplar des Romans zur Verfügung gestellt.

Shownotes und Links:
Dave Eggers‘ Roman „Every“ beim Verlag Kiepenheuer & Witsch
Autorenseite von Dave Eggers bei Kiepenheuer & Witsch
Dave Eggers‘ Roman „The Every“ im englischsprachigen Original bei Penguin Random House
Das Hörbuch zu Dave Eggers‘ Roman „Every“ beim Argon Verlag
Angela Gruber: „Volle Kontrolle: Chinas Social Credit System“ (Spiegel vom 28.12.2017)
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