Folge 41: Maxim Billers Roman „Der falsche Gruß“

Maxim Billers Roman „Der falsche Gruß“

Maxim Biller thematisiert in seinem neuen Roman Der falsche Gruß eine Vielzahl an kontroversen Themen: Satirisch blickt er auf den Berliner Literaturbetrieb, chiffriert Täter- und Opferrollen bis zu Unkenntlichkeit, und erzählt von Eitelkeit und Narzissmus, von Antisemitimus und vom Umgang mit dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte in einer Gegenwart, die dieses nur noch als Fiktion wahrnimmt.

Eine unerhörte Begebenheit

Maxim Billers Roman beginnt mit einem Skandal, einer unerhöhrten Begebenheit: Der junge deutsche Schriftsteller Erck Dessauer zeigt seinem vermeintlichen Erzfeind, dem jüdischen Groß-Literaten Hans Ulrich Barsilay, in einem Berliner Szenelokal den Hitler-Gruß. In der Folge fürchtet Erck um seine Karriere, die gerade erst Fahrt aufnimmt, denn er glaubt, Barsilay könnte ihn wegen Volksverhetzung anzeigen, was jedoch nicht passiert.

Dennoch holt Erck zum Erstschlag aus und spinnt eine eigene Intrige gegen Barsilay, den er trotz seiner tief empfundenen Verachtung, die bis weit in seine eigene Familiengeschichte reicht, bewundert und verehrt. Denn Barsilay besitzt alles, was Erck selbst gerne hätte: Ein selbstbewusstes Auftreten, Erfolg und Ansehen und eine tragische persönliche Geschichte, die Erck erkennen lässt, wie wenig er selbst zu erzählen hat.

Es war eine Mischung aus Hitlergruß und dem verrutschten Armwedeln eines Betrunkenen, aber vielleicht war es auch einfach nur mein ungeschickter Versuch, den französischen Quenelle nachzumachen, das weiß ich nicht mehr genau. Jedenfalls stand ich eines Nachts vor fünf Jahren im Trois Minutes in der Torstraße vor dem ewigen Unruhestifter und Menschenfeind Hans Ulrich Barsilay und machte das erste Mal seit meiner Kindheit wieder meine absurde Nazigymnastik.

Maxim Biller: „Der falsche Gruß“, S. 9

Ein Skandal ohne Folgen

Letztlich bleibt Ercks Ausrutscher aber folgenlos und er feiert bald seinen eigenen großen Erfolg, nämlich eine Biografie über den Erfinder der Gulags, Naftali Frenkel, über den Barsilay auch schon in literarischer Form schreiben wollte. Aber Erck ist schneller und sein monumentales Werk erscheint schließlich unter dem Titel „Eine sibirische Karriere“ und das Lesepublikum ist begeistert, und das obwohl (oder gerade weil) er darin den jüdischen Sowjekfunktionär zum geistigen Urheber des Holocaust macht.

Erck sieht Barsilay als Saboteur seiner eigenen Ambitionen und seiner Karriere, denn die beiden sind sich vorher bereits einmal begegnet, nämlich als Erck gerade seine Magisterarbeit über Spätbolschewismus anmelden möchte und er Barsilay kurz vorher im Berliner Café Einstein trifft. Nachdem dieser ihn fragt, was er schreiben könne, was nicht ohnehin vorher schon geschrieben oder gedacht wurde, gibt Erck seine akademische Karriere auf und verdingt sich zunächst als Rezensent im Kulturradio, nicht gerade das, was er sich für sein Leben vorgestellt hatte.

Ambivalente Figuren mit ambivalenten Positionen

Im ersten Teil von Billers Roman Der falsche Gruß erfährt man viel über Ercks Familiengeschichte. Ercks Großvater war in der Wehrmacht, von ihm bekam er als Kind Nazi-Propaganda zu lesen, seine Familie flüchtete in den Westen, sein Vater nahm sich schließlich das Leben.

Erck selbst war Punker, interessiert sich für Orientalismus, sympathisiert mit den Bolschewisten. Und allein in dieser Biografie, in diesem Identitätsgemenge steckt so viel Widersprüchlichkeit, dass sich schnell die Frage stellt, wie das alles zusammen passt. Und die Antwort auf diese Frage ist, dass das überhaupt nicht zusammenpasst, denn dieser Erck Dessauer ist ein maximal ambivalenter Charakter, der zutiefst verunsichert (und verunsichernd) ist, fast kindlich-naiv wirken seine Gedankengänge manchmal.

Vor allem aber sieht er sich selbst als abhängig von den Aktionen und Reaktionen anderer, ganz besonders deutlich wird das nach dem Hitler-Gruß-Skandal, als er glaubt, Barsilay könnte ihn öffentlich unmöglich machen, ihn denunzieren, ihn vielleicht sogar verklagen, was ihn dann wiederum seinen gerade abgeschlossenen Vertrag mit einem großen Verlag, bei dem Barsilay übrigens auch untergekommen ist, kosten könnte.

Ein jüdischer Groß-Literat

Die andere Figur, Hans-Ulrich Barsilay, ist ein Star der Literaturszene, einer der es geschafft hat. Seinen biografischen Romanerfolg neidet Erck ihm mit Inbrunst und auch sonst ist Barsilay eigentlich genau derjenige, der Erck gerne sein würde. Und dieser Neid, diese Misgunst, spricht wirklich aus jedem Satz, den der Ich-Erzähler Erck Dessauer im Rahmen seiner paranoiden Gedankenkonstrukte formuliert.

So entsteht ein Bild von Barsilay, das ausschließlich aus Ercks Gedankenwelt konstruiert wird. Somit ist dieses Bild auf bestimmte Art vorgefärbt. Für Erck ist Barsilay ein „ewiger Unruhestifter und Menschenfeind“ mit „Nazi-Methoden“, dessen Ruhm vor allem auf einem „verlogenen Wahrheits- und Deutschenbeschimpfungstheater“ beruht.

Ercks Grundproblem ist, dass er Barsilay vor allem darum beneidet, dass dieser als Jude eine Art Privileg auf eine Operrolle innehat, die Erck gerne für sich reklamieren, für sich besetzen würde. Insbesondere geht es ihm um eine Stelle in Barsilays Memoir, in der er ausgerechnet in Auschwitz eine Art kartharsisches Erleuchtungserlebnis beschreibt, eine Schlüsselstelle dieses Romans.

Erck findet diese Stelle so fantastisch und er weiß, dass er so etwas niemals schreiben können wird und unterstellt in seiner Logik folgerichtig, dass Barsilay diese Episode aus seinem Roman nur erfunden haben könnte. So entsteht ein regelrechter Verfolgungswahns, eine Besessenheit, die sich immer weiter steigert. Barsilay wird zum Mittelpunkt von Ecks Leben und er beginnt eine eigene Intrige gegen ihn.

Doch neben dem Neid, der Missgunst und dem Hass steht auch eine große Bewunderung, denn Erck liest alles, was Barsilay schreibt, teilweise sogar mehrfach und so wird auch diese Beziehung, neben den Figuren, zu einer großen Irritation. Ercks Antisemitismus wird aber an keiner Stelle erklärt, was natürlich mit der Erzählperspektive zu tun hat. Stattdessen führt Biller seinen Protagonisten vor und zeigt schonungslos dessen verworrene, widersprüchliche und zutiefst gekränkte Innenwelt und macht ihn damit lächerlich.

„Mein Roman ist die Geschichte eines Wahnsinnigen, der Angst hat, dass er, weil er den Hitlergruß gemacht hat, Opfer der sogenannten Cancel-Culture wird. Das passiert aber nicht, stattdessen verliebt er sich in Barsilays Freundin. Und für all das verurteile ich Dessauer nicht, ich erzähle es nur.“

Maxim Biller in einem Interview mit der ZEIT vom 4. September 2021

Der falsche Gruß: Ein überaus komplexer Roman

Thematisch und inhaltlich ist Billers Roman äußerst dicht, es geht um den Holocaust, um vermeintlich bekannte Täter- und Opferrollen, um „Die“ und „Wir“, je nach Perspektive sind Juden oder Deutsche gemeint, um die Auseinandersetzung mit und die Aufarbeitung von der deutschen NS-Vergangenheit.

Es geht aber auch um den Literaturbetrieb, um Eitelkeit und Narzissmus und um die Unklarheiten von Identitäten. Und schließlich geht es um die deutsche Schuld und um den Umgang damit, die in der Figur Erck Dessauer provokant auf die Spitze getrieben wird, denn er steht ja genau dafür, wenn er mit seinem Buch über Frenkel argumentativ darlegt, dass die deutsche Schuld eigentlich eine jüdische ist.

Durch Ercks durchschlagenen Erfolg mit seiner Frenkel-Biografie wird dieses abscheulichste Verbrechen der Menschheitsgeschichte auf gänzlich widersinnige und abstruse Weise breitgetreten und medialisiert und genau hier liegt der Kern dieses Romans, denn er zeigt die Untiefen des Kulturbetriebs auf und provoziert mit der Auseinandersetzung um die Deutungshohheit über die NS-Vergangenheit.

Shownotes und Links:
Maxim Billers Roman „Der falsche Gruß“ bei Kiepenheuer & Witsch
Autorenseite von Maxim Biller bei Kiepenheuer & Witsch
Nele Pollatschek: „Unter Gaffern: Über den Streit zwischen Max Czollek und Maxim Biller“ (Süddeutsche vom 17. September 2021)
Maxim Billers „100 Zeilen Hass“ bei Hoffmann & Campe
Folge 9 zu Robert Seethalers Roman „Der letzte Satz“
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Blog zu „Auf ein Buch!“

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