Folge 40: Nicole Seiferts Sachbuch „Frauenliteratur“

Nicole Seiferts Sachbuch „Frauenliteratur“

Selten gab es in meinem Podcast für mich einen so klaren Lebensweltbezug wie in dieser Woche. In meinem Deutsch-Leistungskurs wünschten sich die Studierenden zu Beginn des Schuljahres, dass sie gerne mehr Literatur von Frauen lesen möchten. Das nahm ich zum Anlass, meinen eigenen Unterricht, meine Textauswahl und auch meine Bewertungsmaßstäbe für Literatur kritisch in den Blick zu nehmen. Dabei stieß ich auf Nicole Seiferts (@nachtundtag.blog) Buch „Frauenliteratur“ (erschienen bei @kiwi_verlag), das sich mit der systematischen Geringschätzung, Abwertung und Unterdrückung weiblichen Schreibens auseinandersetzt. Dass das nicht an der mangelnden Quantität und schon gar nicht an der fehlenden Qualität der Literatur von Autorinnen liegen kann, zeigt Nicole Seifert genauso auf wie die Tatsache, dass das historisch gewachsene System aus männlich dominierter Literaturkritik, Literaturgeschichtsschreibung und Lehrplangestaltung eine nachhaltige Sichtbarmachung von Frauen im Literaturbetrieb konsequent behindert.

Wo sind denn all die Autorinnen?

Nicole Seifert setzt in ihrem Buch „Frauenliteratur – abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ rückblickend bei ihren eigenen Schulerfahrungen im Deutschunterricht an und reflektiert, was dort gelesen wurde und kommt zu der ernüchternden Erkenntnis, dass sie sehr viel von Goethe, Borchert, Kleist, Böll oder Dürrenmatt & Co. gelesen hat, aber nur eine einzige weibliche Autorin dabei war, nämlich Annette von Droste-Hülshoff.

Bei der weiteren Beschäftigung mit diesem Ungleichgewicht stellte sie auch später in ihrem Leben immer wieder diese Schieflagen bzw. dieses Missverhältnis fest. Selbst in ihrem Germanistik-Seminar gab es nur eine Leseliste mit knapp einem Drittel Autorinnen. So machte sie es sich zu ihrer Aufgabe, ausschließlich Literatur von Frauen zu lesen und das Ergebnis kann man auf sehr beeindruckende Weise auf ihrem Blog „Nacht und Tag“ nachlesen, wo sie viele Leseempfehlungen für Romane von Autorinnen gibt.

An mangelndner Qualität liegt es nicht

Eine zentrale These ihres Buches ist zunächst, dass der Grund dafür nicht in der Quantität weiblichen Schreibens liegt, denn davon gibt es sowohl in der älteren als auch in der jüngeren Vergangenheit mehr als genug. Und schon gar nicht liegt es an fehlender Qualität, denn hier konnte man etwa durch sehr aussagekräftige Experimente feststellen, dass zum Beispiel Verlage, wenn sie nicht wissen, ob ein bestimmtes Manuskript von einer Autorin oder einem Autor stammt, zum überwiegenden Teil Manuskripte von Autorinnen auswählen, andersherum verhält es sich umgekehrt.

Der Grund liegt laut Seifert vor allem in einem männerdominierten Literaturbetrieb, sowohl bezogen auf die Autorenschaft als auch auf den Stand der (männlichen) Kritiker und Literaturgeschichtsschreiber, die seit Jahrhunderten festlegen bzw. festgelegt haben, dass Literatur von Männern wertvoller, relevanter und vor allem qualitativ besser sei als die von Frauen.

Das hat dann zu der Entstehung eines sehr hartnäckigen, weil historisch gewachsenen Systems der Abwertung und Herabwürdigung weiblichen Schreibens geführt und Seifert weist das in den ersten Kapiteln ihres Buches konsequent nach. Sie bezieht sich etwa auf Studien zu Verlagsveröffentlichungen oder zeigt auf, wie auch in den Lehrplänen der Schulen bis heute kaum weibliche Literatur stattfindet.

Frauenliteratur: Kitschig, banal, ohne Anspruch?

Gerade auch in der Kritik werden Autorinnen geringeschätzt, insbesondere, wenn es um „weibliche“ Themen geht. Gewünscht sind bei Autorinnen Attribute wie Dankbarkeit oder Bescheidenheit, nicht erwünscht sind Selbstbewusstsein, politische Ansichten, Lust oder bestimmte Themen. Und gerade diesen Themen unterscheiden sich laut Seifert durchaus von den Themen männlicher Autoren, so nennt Seifert etwas das sich wiederholende Motiv des Eingesperrtseins, das metaphorisch für das Gefühl steht, dass man sich als Frau nicht so ausleben kann, wie man das gerne möchte. Gleichzeitig, steckt darin auch der Gedanke, dass Frauen oftmals die Teilnahme am öffentlich Leben schlicht verwehrt wurde bzw. wird.

Seiferts Kritik an der Kritik stellt in dieser Hinsicht vor allem heraus, dass Frauen in der Literatur oftmals persönlich angegangen werden bzw. auf persönliche Attribute reduziert werden und so die Qualität eines Textes in den Hintergrund rückt, sei sie ästhetisch, sprachlich oder inhaltlich-thematisch (oder alles zusammen).

Und so erhält sich diese Kritik natürlich als sehr bedeutsamer Teil der literarischen Verwertungskette, denn sie hat die Deutungshoheit über das, was „gute“ bzw. lesenswerte Literatur ist und so leistet sie auch einen signifikanten Beitrag zu diesem Kreislauf eines männerdominierten Literaturbetriebs. Hier liegt dann schließlich auch der Grund, warum bei dem Begriff Frauenliteratur auf dem Cover des Buches der Substantiv Frauen durchgestrichen ist, denn Seifert erklärt, dass eine Unterscheidung zwischen männlichem und weiblichem Schreiben nicht sinnvoll ist und gleichzeitig stellt sie heraus, dass mit dem Begriff Frauenliteratur insbesondere Adjektive wie kitschig, banal, sentimental usw. assoziiert werden.

Frauenliteratur: Überzeugende Argumentation mit vielen Aha!-Momenten

Nicole Seifert argumentiert in ihrem sehr gut strukturierten Buch äußerst überzeugend und stichhaltig und liefert eine Menge Belege und Beispiele für das, was aktuell in der Literaturszene schief liegt. Teilweise wiederholen sich Argumentationslinien, aber das dient eher dazu, die grundlegende Problematik immer wieder in Erinnerung zu rufen, gerade auch weil Seifert in ihrem Buch an mehreren Stellen mit ausführlichen Beispielen arbeitet, und so ist es dann hilfreich, wieder zum eigentlichen Kern des Themas zurückzukommen.

Sprachlich ist der Text sehr zugänglich, er bewegt sich auf einem eher populärwissenschaftlichen Niveau, man merkt aber schnell, dass eine sehr wissenschaftlich fundierte Grundlage dahinter steht. Gerade wenn man sich den mehr als 30-seitigen Anhang anschaut, dann stellt man schnell fest, wieviel Recherchearbeit in die Erstellung dieses Buch geflossen sein muss. Nicole Seifert führt nicht nur ihre eigenen Quellen an, sondern präsentiert auch noch eine Liste mit Romanen von Autorinnen aus unterschiedlichen literaturhistorischen Zusammenhängen.

Mit Hilfe dieser Liste kann man dann selbst einen Anfang machen, mehrere dieser Bücher werden auch vorab bereits erwähnt und teilweise sogar ausführlicher besprochen, sodass man gute Anhaltspunkte hat, wo man beginnen kann, wenn man „verloren gegangene“ Autorinnen für sich entdecken bzw. wiederentdecken möchte.

Shownotes und Links:
Nicole Seiferts Sachbuch „Frauen Literatur – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ beim Verlag Kiepeinheuer und Witsch
Autorinnenseite von Nicole Seifert beim Verlag Kiepenheuer & Witsch
Nicole Seiferts Blog „Nacht und Tag“
Webseite des Forschungsprojekts „Frauen zählen“
Gabriele Reuters Roman „Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens“ bei Verlag Literaturwissenschaft.de
Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“ beim Reclam Verlag
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Folge 39 zu Leila Slimanis Roman „Das Land der Anderen“
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