Folge 15: Evan Osnos‘ Biografie „Joe Biden – Ein Porträt“

Evan Osnos‘ „Porträt“ über Joe Biden

Wer ist der Mensch Joe Biden? Was macht den neuen US-Präsidenten zu einem guten Kandidaten, um das gespaltene Land zu einen? Inwiefern ist Joe Biden der glücklichste und zugleich der unglücklichste Mensch der Welt? Diesen und anderen Fragen widment sich der amerikanische Journalist Evan Osnos in seiner kleinen Biografie.

Evan Osnos zeigt die menschliche Seite von Joe Biden

„Joe Biden ist zugleich der glücklichste und der unglücklichste Mensch, den ich kenne.“

Ein langjähriger Weggefährte Bidens, zitiert in Evan Osnos‘ „Biden – Ein Porträt“

Das Zitat illustriert sehr anschaulich die zweiten Seiten von Joe Biden. Einerseits ist er ein erfolgreicher Politiker: Jahrzehnte im Senat, Vize-Präsident unter Barack Obama und nun die erfolgreiche Kandidatur zum US-Präsidenten.

Gleichzeitig ist Joe Biden ein Mensch, der von Schicksalschlägen gebeutelt wurde. Als er gerade 29 Jahre alt ist und frisch in den Senat gewählt wird, sterben seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall. 1988 kandidiert Biden erstmals für die US-Präsidentschaft. Der Stress setzt ihm zu und er leidet unter einem Aneurisma im Gehirn, das ihn monatelang außer Gefecht setzt. Später stirbt sein Sohn Beau an einem Gehirntumor.

Osnos setzt dem Joe Bidens Zielstrebigkeit entgegen und zeigt ihn als einen Mann, der unnachgiebig sein Ziel verfolgt – er möchte Präsident der USA werden. Dabei ist er sich nicht zu schade, auch mal in der zweiten Reihe zu stehen, wie etwa während Barack Obamas Präsidentschaft. In dieser Zeit gewinnt er viel an Erfahrung, vernetzt sich national und international und positioniert sich weiter als Verfechter des Civil Rights Movements.

Joe Biden: Der perfekte Trump-Nachfolger?

Evan Osnos begleitet Joe Biden seit 2014 intensiv und man merkt seinem Buch die tiefe Sympathie an, die er für den neuen US-Präsidenten empfindet. Besonders dessen Empathie und Menschenkenntnis stellt er immer wieder in den Mittelpunkt. Biden sei ein Mann, der sich für die Probleme, Ansichten und Wertvorstellungen anderer interessiert und auf diese nicht nur reagiert, sondern auf sie eingeht, sie zu verstehen versucht. Und er ist einer, der jederzeit seine Unterstützung und seinen Trost anbietet.

Zwar gilt Biden in den USA oft als Langweiler, zudem sei er zu alt (am 20. November wurde er 78 Jahre alt) und nicht progressiv genug, um sich von Amtsinhaber Trump abzuheben. Dazu kommen einige Schwächen, die Biden nie ganz ablegen konnte: Seit der Kindheit stottert er, in seiner Karriere gab es einige öffentliche Fehltritte und Aussetzer. Evan Osnos attestiert Joe Biden jedoch eine klare Entwicklung, hin zum versierten Redner, hin zu einem Teamplayer, der aus Fehlern lernt.

Zum Ende des Buches wird Osnos dann quasi tagesaktuell. Zwar veröffentlichte er sein Biden-Porträt kurz vor der Wahl, dennoch gibt er Biden ein paar Ratschläge mit auf den Weg. Osnos hält große Stücke auf Bidens Potential als „Heiler“ einer tief gespaltenen Nation. Gerade wegen seines Rufs als langweiliger Demokrat aus der Mitte der Partei sei er genau der richtige Mann, um die Politik in den USA nach dem Trump-Desaster zu stabilisieren.

Laut Evan Osnos kann Joe Biden ein Präsident sein, der ruhig und besonnen handelt, diplomatisch versiert agiert und dessen Öffentlichkeitsarbeit nicht in 280 Zeichen auf Twitter stattfindet, sondern in differenzierter politischer Rhetorik. Auch könne Biden ein Präsident sein, der mit den Republikanern zusammenarbeitet und zur Aussöhnung beiträgt.

Dennoch glaubt Osnos, dass Joe Biden dringend progressive Impulse in seinem Kabinett brauchen wird. Mit Kamala Harris als designierte Vize-Präsidentin hat er bereits einen wichtigen Schritt in diese Richtung unternommen. Dennoch, so empfiehlt Osnos, sollte er zentrale Posten mit VertreterInnen des linken Parteiflügels zu besetzen, da er selbst kaum als Visionär zu betrachten ist.

Ein kritikloses Porträt

In Evan Osnos‘ Buch kann man viel Lernen über den Mensch Biden und über die Zusammenhänge amerikanischer Innenpolitik. Das Buch ist eine ideale Ergänzung zur doch teils recht oberflächlichen Berichterstattung in den deutschen Medien. Sprachlich ist es sehr klar, die Argumentation ist fundiert und strukturiert und an manchen Stellen kann Evan Osnos sogar als Erzähler im klassischen Sinne glänzen.

Osnos‘ Gesamtbild von Biden ist durchweg positiv, Kritik oder Vorbehalte kommen so gut wie nicht vor. Entweder wird gezeigt, wie Biden Schwächen kompensiert oder sie werden ins Positive gewendet. Wer ein differenziertes Bild von Biden wünscht, müsste vielleicht noch außerhalb der demokratischen Bubble weiterrecherchieren bzw. -lesen. Fundiertheit und Gründlichkeit kann Osnos dennoch keinesfalls absprechen, dennoch lässt sich eine gewisse Parteilichkeit nicht leugnen. Dies ist aber für eine Biografie auch natürlich nicht weiter verwunderlich.

Trotzdem ist „Joe Biden – Ein Porträt“ von Evan Osnos eine wahrlich beachtenswerte Lektüre für diesen Herbst, mit der man wenig falsch machen kann. Auch wegen ihrer relativen Kürze und immensen Aktualität liefert sie einen unschlagbaren Mehrwert.

Shownotes:

Evan Osnos‘ Biografie „Joe Biden – Ein Porträt“ beim Suhrkamp Verlag

Evan Osnos im Interview bei der „Daily Show w/ Trevor Noah“

Das Hörbuch zu „Joe Biden – Ein Porträt“ (Englisch), gelesen von Evan Osnos

Evan Osnos‘ Biografie „Joe Biden. The Life, the Run and What Matters Now“ in der englischsprachigen Originalfassung beim Scribner Verlag

„Auf ein Buch! – Der Literaturpodcast“ bei Spotify

„Auf ein Buch!“ zu Don DeLillos Roman „Die Stille“

Eine Antwort auf „Folge 15: Evan Osnos‘ Biografie „Joe Biden – Ein Porträt““

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.