Folge 14: Don DeLillos Roman „Die Stille“ / „The Silence“

Don DeLillos Roman „Die Stille“, hier in der englischen Originalausgabe mit dem Titel „The Silence“

In einem New Yorker Apartment kommen fünf Menschen zusammen, um gemeinsam das Endspiel der amerikanischen Football-Liga, den Superbowl, zu sehen. Doch plötzlich wird der Bildschirm schwarz und alle elektronischen Geräte funktionieren nicht mehr. Was ist geschehen? Eine Cyberattacke? Der Beginn des dritten Weltkriegs? In seinem Roman Die Stille entwift Don DeLillo ein packendes und Angst einflößendes Szenario, das als Leinwand für philosophische Überlegungen zur Digitalisierung, zur Informationsgesellschaft und zur menschlichen Existenz an sich dient.

Don DeLillo und ich – eine Hassliebe

Don DeLillo und ich hatten einen eher holprigen Start. Vor einigen Jahren war sein Roman Falling Man verpflichtende Lektüre im Englisch Grundkurs in NRW. Viele Schülerinnen und Schüler arbeiteten sich an der hohen inhaltlichen Komplexität, dem enormen sprachlichen Anspruch und der anspruchsvollen erzählerischen Gestaltung ab. Und manchmal verzweifelten sie auch daran. Mir ging es in jedem Fall so. Ich fand den Roman sehr unangemessen für einen Grundkurs. Und trotzdem bin ich dran geblieben und bin im Nachhinein sehr froh drüber. Denn Don DeLillo hat als Autor so einiges zu bieten – wenn man sich darauf einlässt.

Don DeLillos neuster Roman Die Stille

Der Roman Die Stille von Don DeLillo, der Ende Oktober in der Übersetzung von Frank Heibert auf Deutsch erschienen ist, ist so etwas wie ein Kammerspiel: In einem New Yorker Apartment treffen sich die ehemalige Physikprofessorin Diane, ihr Mann Max und ihr ehemaliger Student Martin. Sie wollen gemeinsam das Endspiel der amerikanischen Football-Liga sehen, den sogenannten Superbowl. Erwartet werden dazu noch Tessa und Jim, die sich noch auf einem Transantlantikflug befinden, der sie von einem Europatrip zurück nach New York bringt.

Kurz vor dem Kickoff fällt plötzlich der Bildschirm aus, er wird schlicht schwarz. Auch andere elektronische Geräte funktionieren nicht mehr. Unklar ist zunächst der Auslöser und die Reichweite der Störung. Später wird zumindest in den Raum gestellt, es könne sich um eine weltweite Cyberattacke handeln. Die Figuren bleiben derweil sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne im Dunkeln.

Während Max noch auf Besserung hofft und immer wieder hoffnungsvoll auf den schwarzen Bildschirm starrt, ergehen sich seine Frau Diane und Martin in philosophischen Diskussionen über Physik, Einstein und die menschliche Existenz. Auch Tessa und Jim können zur Aufklärung der Situation wenig beitragen. Ihr Flugzeug musste in New York notlanden.

Ein gespenstisches Szenario

In Die Stille entwirft Don DeLillo ein wahrlich gespenstisches und Angst einflößendes Szenario. Mich hat es sofort gepackt und es gibt verschiedene Paralellen zu unserer Lebensrealität. Die Lockdown-Erfahrung von Don DeLillos Figuren spiegelt sich in unseren individuellen und gemeinsamen Lockdown-Erfahrungen während der Corona-Pandemie. Trotzdem sollte DeLillos Roman nicht als Kommentar auf die Corona-Krise gelesen werden, dagegen sperrt sich der Autor auch selbst und weist den Interpretationsansatz zurück.

Vielmehr sind es allgemein die Hilflosigkeit und die Unklarheit, die DeLillo in den Mittelpunkt seines Romans stellt. Was tun wir, wenn plötzlich der so gewohnte digitale Input fehlt und wir von der Cyber-Außenwelt abgeschnitten sind? Der Roman gibt keine Antwort auf diese Frage, sondern verweist vor allem auf die unmittelbaren Auswirkungen. Die Stille erzählt vom Gefühl des Alleinsedins, von fehlender Sinnstiftung und von Kontrollverlust. Zudem zeigt er, wie unfähig und hilflos unsere digitalisierte Gesellschaft wird, wenn man ihr ihre Essenz nimmt.

Dabei ist der Roman Die Stille keine direkte Kritik an unserer Informationsgesellschaft, sondern vielmehr beschreibt er, er seziert und deckt auf. Und das macht den Roman äußerst faszinierend.

Don DeLillos Die Stille Klare Leseempfehlung!

Wenn man Don DeLillos Buch lesen möchte, dann muss einem klar sein, dass man nicht allzu viel Handlung bekommt. Die Situation wird vor allem in Dialogform ausgelotet, die Sprache ist auf das Wesentliche reduziert, Redudanz ist für DeLillo ein Fremdwort. Auch einen klaren Abschluss gibt es nicht, der Roman endet offen. In diesem Fall kann man das durchaus verraten, ohne allzu viel vorwegzunehmen.

Es ist vor allem das Gefühl, das einen übermannt, wenn man Die Stille liest. Die Atmosphäre ist sehr wirkmächtig und ich musste lange über das Gelesene nachdenken. Die unheimliche Wirkung ist diffus und kaum greifbar, aber sie ist da und sie hat fast eine prophetische Qualität. Wenn man das aushalten kann, sollte man auf jeden Fall loskaufen.

Shownotes:

Don DeLillos Roman Die Stille bei Kiepenheuer & Witsch

Don DeLillos Roman The Silence (englischsprachiges Original) bei Picador

Das Hörbuch zu Don DeLillos Die Stille (gelesen von Christian Brückner)

„Auf ein Buch“ bei Spotify

Don DeLillos Roman Falling Man bei Kiepenheuer & Witsch

Folge 13 von „Auf ein Buch“ zu Thomas Hettches Roman Herzfaden

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