Folge 11: Deniz Ohdes Roman „Streulicht“

Deniz Ohdes Roman „Streulicht“

In der elfen Folge von Auf ein Buch! geht es noch einmal um eine Nominierte für den Deutschen Buchpreis, nämlich Deniz Ohdes Roman Streulicht: Die namenlose Ich-Erzählerin kehrt in ihre Heimatstadt zurück, da ihre Freunde Pikka und Sophia heiraten werden. Sie nutzt diese Gelegenheit und reflektiert ihre eigene Herkunft, ihre Identität und ihren steinigen Weg durch das deutsche Bildungssystem. Als Tochter einer türkischen Mutter und eines deutschen Vaters ist sie von klein auf Diskriminierung und systemischen Rassismus ausgesetzt. Trotz ihrer vermeintlichen Erfolgsgeschichte bleiben am Ende viel Tristesse und Pessimismus: Streulicht zeigt auf beeindruckende Weise, wie unmöglich es sein kann, der eigenen Herkunft zu entfliehen und wie wenig weit wir in Sachen Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit eigentlich gekommen sind.

Zu Deniz Ohde

Deniz Ohde ist als Autorin eigentlich noch ein unbeschriebenes Blatt, denn Streulicht ist ihr erster Roman. Bisher ist die 1988 in Frankfurt am Main geborene Autorin vor allem durch die Teilnahme an Literaturwettbewerben und Open Mic-Veranstaltungen in Erscheinung getreten. So war sie zum Beispiel Finalistin des 24. Open Mike und des 10. Poet Bewegt Literaturwettbewerbs.

Ihr Debut hat nun umso mehr für Furore gesorgt. Neben der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht der Roman auch auf der Shortlist des Aspekte-Literaturpreises des ZDF und gewann den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung. Man kann in jedem Fall davon ausgehen, dass in den nächsten Jahren noch einiges von Deniz Ohde zu hören bzw. zu lesen sein wird. Aktuell arbeitet sie bereits an ihrem zweiten Roman.

Darum geht es in Deniz Ohdes Roman Streulicht

Die namenlose Ich-Erzählerin des Romans kehrt zu Beginn in ihre Heimatstadt zurück, da ihre Freunde Pikka und Sophia heiraten werden. Sie nutzt diese Gelegenheit der Rückkehr, um ihr Leben zu reflektieren und zu ergründen, warum es ausgerechnet in diesen Bahnen verlaufen ist. Zunächst erzählt sie die Geschichte ihrer Familie: Von der Mutter, die aus ihrem Heimatdorf in der Türkei weggelaufen ist und dem Vater, der in einer der Fabriken des nahe gelegenen Industrieparks eine sehr monotone Arbeit verrichtet.

„Ich hatte nur eine Muttersprache, ich hatte nur einen Geburtsort, ich hatte einen deutschen Nachnamen und zwei Vornamen, von denen der eine geheim war, ich rasierte mir die Monobraue, ich sagte: ‚Nicht ich bin Türkin, sondern meine Mutter'“

Deniz Ohde: Streulicht

Im weiteren Verlauf geht es dann auch um die strukturelle und systemische Diskriminierung innerhalb des deutschen Bildungssystem, die die Ich-Erzählerin immer wieder zu spüren bekommt. Es geht schließlich auch um die Frage, was mit einem Menschen passiert, wenn er immer wieder Ablehnung erfährt und das Gefühl bekommt, nicht genug zu sein.

Meine Einschätzung zu Streulicht

Ein Roman mit hoher gesellschaftlicher Relevanz

Streulicht ist ein hochgradig aktueller und gesellschaftlich relevanter Roman. Ohde geht wichtige Themen an, die uns in unserer zunehmend diversen Gesellschaft angehen, vor allem stehen aber der Mythos des Aufstiegs durch Bildung und der Einfluss der sozialen Herkunft im Mittelpunkt. Der Roman zieht letztlich ein tristes und eher pessimistisches Fazit: Mit der Chancengleichheit im Bildungssystem ist es nicht weit her und obwohl die Ich-Erzählerin in Deniz Ohdes Roman dieses System durchläuft – trotz vieler Umwege letztlich sehr erfolgreich – gelingt es ihr an keiner Stelle, ihre eigene Stimme zu finden.

Vom Sprechen, der eigenen Stimme und dem Gehörtwerden

Die eigene Stimme ist eines der zentralen Motive von Deniz Ohdes Roman Streulicht. Zuhause lernt die Ich-Erzählerin leise zu sein, sich angepasst zu verhalten, nicht aufzufallen. In der Schule fordert man das Gegenteil von ihr: Sprich lauter, zeig dich, steh für dich ein. Dabei gerät sie immer wieder in Situation, in denen es ihr gutes Recht wäre, sich zu artikulieren, sich zu wehren. Etwa bei der Lehrerin, die sie sicherheitshalber fragt, ob sie eigentlich Deutsche sei. Oder bei dem Lehrer am Oberstufengymnasium, der ihr nur zehn Punkte gibt, weil sie für ihr alter doch eigentlich weiter sein müsste – als sie mit Anfang 20 das Oberstufengymnasium besucht, um ihr Abitur nachzuholen. Oder die Sachbearbeiterin bei der Arbeitsagentur, die ihr bescheinigt, doch eigentlich ganz intelligent zu sein.

Doch genau in diesen Situationen versagt der Ich-Erzählerin die Stimme. Sie kann sich nicht sprachlich zur Wehr setzen und wenn sie es tut, wird ihr direkt dieses Recht verwehrt oder entzogen. So fliegt sie stets unter dem Radar und kann ihre wahren Talente und Fähigkeiten nicht oder nur sehr bedingt entfalten. An diesen Stellen finde ich den Roman besonders eindringlich, da er mit Nachdruck aufzeigt, wie das perfide System von Ausgrenzung, von Abwertung, von Diskriminierung funktioniert.

Der Ich-Erzählerin wird immer wieder suggeriert: Du kannst es nicht schaffen. Es ist ein Wunder, dass du es überhaupt so weit gebracht hast. Du bist nicht genug. Du musst dich noch mehr anstrengen.

Nüchterne, prosaische Sprache

Auch die Sprache in Deniz Ohdes Roman Streulicht passt sich diesem Grundtenor an. Sie ist sehr geradlinig, schnörkellos, klar und einfach. Es gibt viele detaillierte Beschreibungen, die eine Milieustimmung heraufbeschwören, in die ich mich als Leser sehr gut einfühlen konnte. Deniz Ohde schafft es so eine besondere Atmosphäre zu generieren, die es mir erlaubt, tief in die Welt der Ich-Erzählerin abzutauchen.

Diese Nüchternheit und Authentizität erweckt die Umgebung der Ich-Erzählerin zum Leben. Man sieht das dämmrige Licht der kleinen Wohnung in einem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus. Eine Wohnung, die schon lange nicht mehr renoviert worden ist und in der das Chaos herrscht. Ebenso unwirtlich sind die nahe gelegenen Industriepark, die Kläranlage und die Fabriken. Es gibt viel Stahl, viel Beton, keine Natur, ein großes grau in grau, vermutlich irgendwo in den 1960er Jahren stehengeblieben.

Dazu kommt ein angespanntes Familienleben auf engstem Raum, ein Vater, der von seiner Arbeit frustriert ist, zu viel trinkt und mit Aschenbechern wirft. Der Fernseher bestimmt den Tagesrhythmus und jeden Moment könnte die Situation eskalieren. Gewalt wird angedeutet, jedoch schlägt der Vater nicht zu, „so einer“ sei er nicht – trotzdem holt er aus, droht an, stoppt aber noch gerade rechtzeitig.

Ein trauriges, stilles Buch

Insgesamt ist Deniz Ohdes Roman Streulicht ein trauriges, ein leises Buch. Es entfaltet seine grandiose Wirkung nach und nach. Ein bisschen hat es mir auch meinen Optimismus in Bezug auf Bildungsgerechtigkeit genommen, aber vielleicht ist das genau das, was man aktuell braucht. Immer wieder hört man von gelungener Integration, von vermeintlicher Chancengleichheit und davon, wie aktiv gegen Rassismus vorgegangen wird.

Dieser Roman zeigt, dass die alltägliche, die stille Diskriminierung und Ausgrenzung damit wenig zu tun hat. Sie funktioniert im Kleinen und Deniz Ohdes Streulicht zeigt auf beeindruckende Weise auf, wie sie langfristig arbeitet und tröpfchenweise ihre Spuren hinterlässt.

Eine Antwort auf „Folge 11: Deniz Ohdes Roman „Streulicht““

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.