Der Erzählanfang: Der „Keim des Ganzen“

Beim Lesen von T.C. Boyles Erzählsammlung „Sind wir nicht Menschen“ stieß ich wieder einmal auf sie: Diese ersten Sätze des Erzählanfangs. Insbesondere bei kurzen Geschichten oder Kurzgeschichten sind sie von zentraler Wichtigkeit, weil in ihnen im besten Fall bereits der Kern des Konflikts, der Ausgangspunkt alles Weiteren angelegt sein sollte. Der Anfang muss mich packen, muss mich motivieren weiterzulesen.

Auch in längeren Formen kommt dem Anfang der Erzählung große Bedeutung zu. Das wusste auch schon Theodor Fontane:

[…] Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache und in dem ersten Kapitel die erste Seite, beinah die erste Zeile. Die kleinen Pensionsmädchen haben so unrecht nicht, wenn sie bei Briefen oder Aufsätzen alle Heiligen anrufen: ‚Wenn ich nur erst den Anfang hätte.‘ Be richtigem Aufbau muss in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken. Daher diese Sorge, diese Pusselei. Das folgende kann mir nicht gleiche Schwierigkeiten machen.

Theodor Fontane in einem Brief an Gustav Karpeles vom 18. August 1880

Fontane hat diese Erzählanfänge zur Perfektion getrieben, wie der eine oder andere vielleicht aus seiner Schulzeit noch weiß. Bei „Effi Briest“ ist alles wichtig auf den ersten Seite, jeder Gegenstand, jeder Raum, jedes noch so kleine Detail hat eine symbolische oder metaphorische Bedeutung und ist ein Wegweiser für bzw. Verräter über die weitere Handlung. Ob das für einen Romananfang der Weisheit letzter Schluss ist, sollen andere beurteilen. Aber in jedem Fall ist es – zumindest aus meiner Sicht – schon relevant, ob mich ein Erzählanfang packt oder nicht.

Bei Boyles „Sind wir nicht Menschen“ habe ich wieder einmal gemerkt, welch bleibenden Eindruck ein guter Erzählbeginn machen kann. Und wieviel ein solcher schon über alles weitere verrät – oder eben auch nicht verrät und so meine Neugier weckt. Ein Beispiel?

They told him he had to wear a mask in public. Which was ridiculous. It made him feel like he had a target painted on his back – or his face, actually, right in the middle of his face. But if he wanted to walk out the door of the clinic he was going to walk out with that mask on – either that or go to jail.

T.C. Boyle: „The Fugitive“ / „Der Flüchtling“, 2016

Dieser Anfang der Erzählung von „Der Flüchtling“ (hier im Original „The Fugitive“) wirft uns als Leser direkt in die erzählte Welt und verrät uns eine ganze Menge darüber. Er gibt uns Orientierung: Es geht um eine männliche Figur, die eine Maske tragen muss, was er ablehnt. Er befindet sich in einer Klinik, muss behandelt werden, ist erkrankt. Er ist von der Entscheidung anderer abhängig, fühlt sich ungerecht behandelt („Which was ridiculous.“), glaubt aber, er könne die Situation angemessen einschätzen. Trotzdem gibt es ein Gefühl der Bedrohung, die offenbar von ihm ausgeht und die offensichtlich auch für ihn selbst besteht, da er mit harschen Konsequenzen für etwaiges Fehlverhalten rechnen muss. Andere Menschen (die Gesellschaft?) könnten ihm mit Ablehnug begegnen. Dazu eine wichtige Entscheidung: Die Maske tragen oder ins Gefängnis gehen.

Gleichzeitig bleiben eine Menge Fragen offen: Wo befinden wir uns? Und vor allem: Wann befinden wir uns? Wer genau ist dieser Mann, der die Maske tragen muss? Woran ist er erkrankt? Wieso fühlt er sich dadurch wie eine Zielscheibe? Wer sind die, die ihn vor die Wahl stellen („they“)? Wie wird er sich entscheiden? Gibt es überhaupt eine echte Wahlmöglichkeit?

Natürlich werden diese Fragen im Laufe der Erzählung beantwortet, aber zunächst tragen sie immens dazu bei, dass ich mehr erfahren möchte. Sie leiten mich als Leser durch den Text und eröffnen ein komplexes Handlungsgeflecht. Zudem trennt sich hier die Spreu vom Weizen: Ein erfahrener Autor wie Boyle weiß natürlich genau, wie er mir seine Erzählung direkt im Erzählanfang schmackhaft machen kann. In Zukunft werde ich mal wieder verstärkt darauf achten, was eigentlich so ein Erzählanfang mit mir macht bzw. was er bei mir auslöst.

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